Heute feiern wir Geburtstag! Ein Jahr „Perlen vom Bodensee“

Der Gegner hatte sich einen isolierten Doppelbauern am Damenflügel eingehandelt, und damit lag Arnos Plan in dieser Partie im Oktober 2017 auf der Hand: den Doppelbauern festlegen, belagern, einsammeln und dann mit einem oder zwei Mehrbauern die Partie gewinnen. Aber statt des offensichtlichen Plans spielte Arno irgendeinen Quatsch, und die Partie wurde remis.

Arno ist ein kluger, kultivierter und freundlicher Mann mit vielen Talenten. Nur beim Schach läuft’s nicht, weil ihm die Grundausbildung fehlt. Und damit fügt er sich perfekt ein ins Personal des SC Überlingen. Durchweg kluge, kultivierte, freundliche Leute, die schlecht Schach spielen, und das mit Begeisterung.

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Wer sich hinsichtlich des Killerinstinkts an Mahatma Gandhi orientiert, der kann noch so viel vom Schach verstehen, er wird nicht viele Partien gewinnen.

Zumindest hinsichtlich schlecht Schach spielen würde ich mich also perfekt einfügen in meinen neuen Verein. Ich rechne mit der Präzision und Geschwindigkeit von Toastbrot, teile den Killerinstinkt mit Mahatma Gandhi und orientiere mich bei der Zeiteinteilung an Alexander Grischuk.

Und doch hätte ich vielleicht etwas einzubringen: eine Schachausbildung. Spielen kann ich mangels Talent nicht so gut, aber ich weiß wahrscheinlich mehr über Schach als alle anderen Überlinger zusammen, und zumindest theoretisch weiß ich sogar, was zu tun ist, um ein guter Spieler zu werden.

Während meiner fast zehnjährigen Pause am Brett hatte ich in einem amerikanischen Schachforum gelegentlich über Fragen der Strategie oder Eröffnungstheorie geschrieben, um schachlich halbwegs fit zu bleiben und mein Schriftenglisch zu üben. Zu meinem Erstaunen meldeten sich immer mehr Leute, die das „FM“ oder „IM“ vor dem Namen trugen, und sie wollten mehr davon. Diese Resonanz zeigte mir, dass ich zumindest auf einem passablen Level über Schach schreiben kann.

Eine Oase in der Schachwüste

Warum also nicht ein Schachblog? Die Idee gab es schon lange, und am neuen Wohnort präsentierte sich nun ein Anlass, eines zu starten. Eine Oase in der Wüste anlegen, Schachwissen dort verbreiten, wo es bitter benötigt wird.

Am 14. Oktober 2017 sprudelte anhand von Arnos Partie die Oase zum ersten Mal. Was ist eigentlich ein isolierter Doppelbauer, und wie belagert man den?

Im Verlauf der Saison 2017/18 wurden aus den gesammelten Überlinger Partien 96 dieser Schachfragen und -antworten, jede davon ein kleiner Quell des Schachwissens. Eines von vielen Vereinsblogs nur, angelegt in der Hoffnung, das die Kollegen und der Nachwuchs es lesen, sich die nötigen Grundlagen aneignen und es dann beim nächsten Mal besser machen.

Gelesen wurden die Perlen vom Bodensee tatsächlich. Eher nicht von Überlingern, aber recht bald von Schachfreunden aus dem deutschsprachigen Raum. Erst einzelne, dann Dutzende – und angesichts der wachsenden Leserschar ergab sich die Frage: Gehe ich die Sache ambitioniert an?

Kandidatenturnier, Olympiade, WM: ein besseres Schachjahr als 2018 würde so schnell nicht wieder kommen

Publizistik kann ich, Journalismus auch, und ein besseres Jahr als 2018, um ein Schachblog groß zu machen, würde so schnell nicht wieder kommen: Kandidatenturnier, Schacholympiade, Weltmeisterschaft. Eine Gelegenheit?

Im Februar, da waren die Perlen vom Bodensee schon vier Monate alt, fiel die Entscheidung, Freizeit zu opfern, um es richtig zu machen, und das zumindest bis zum Ende des WM-Matches Carlsen-Caruana sieben Monate später. Ein Twitter-Account musste her, einer auf Facebook auch, um das Blog zu flankieren.

Neben der Schachschule wäre alle paar Tage ein Schachtext erforderlich, der sich gezielt von dem abhebt, was auf anderen Schachseiten zu lesen ist. Hintergründe, Historisches, Weiterführendes, Service und gelegentlich eine Nachricht, die andere übersehen haben. Und das Blog würde zweisprachig sein müssen. Eine englische Leserschaft hatte ich ja anderswo längst aufgebaut.

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Ist schon ein toller Ansporn, wenn Du Deinen Twitter-Account öffnest und solche Sachen liest. Danke, Micha.

Die deutschsprachige Perlen-Offensive begann Anfang März mit einer Vorschau auf das Kandidatenturnier und einem Servicebeitrag: „Wo Kandidatenturnier gucken?“ Und es fanden sich geneigte Schachseiten, die die frohe Botschaft verbreiteten. Unsere Freunde von chessbase.de und chessbase.com zum Beispiel, die das eine oder andere der Werke auf dieser Seite gerne verwenden, damit ihre Inhalte aufpeppen und zugleich den „Perlen“ Aufmerksamkeit verschaffen. Oder der Schachticker, den Schachfreund Franz Jittenmeier täglich tickern lässt, die erste Adresse für deutschsprachige Schachnachrichten.

Jordan und der DSB: unsere unfreiwilligen Helfer

Dann gewann auch noch Vincent Keymer das Grenke-Open, und damit wurde das Schachjahr 2018 noch ereignisreicher, als es eh schon war – ein Glücksfall für das deutsche Schach und alle, die darüber berichten.

Die „Perlen vom Bodensee“ hatten auch unfreiwillige Helfer. Allen voran die alte Führungsspitze des Deutschen Schachbunds und Schachorganisator Dirk Jordan. Die einen naiv genug, einen Veranstalter anzuheuern, ohne ihm einen Rahmen vorzugeben, und der andere ungehemmt von Skrupel, dieses zu seinen Gunsten auszunutzen.

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An die große Zeit der Deutsche Schachkongresse anzuknüpfen, war eine gute Idee. Der Kongress 1914 (Buchempfehlung!) war kein Riesenerfolg, weil ein Krieg dazwischenkam. Jetzt steht der Kongress 2018 auf der Kippe, weil Dirk Jordan dazwischenkam. Dem hätten die DSB-Leute verbindlich aufschreiben müssen, was man tut und was man nicht tut, um abgesichert zu sein für den Fall, dass er es nicht selbst weiß.

Der Artikel über den „Fall Jordan“ ist der meistgelesene und meistkommentierte auf dieser Seite, der einzige deutsche Text, der öfter gelesen wurde als die englischen. Bis heute hält er sich rechts in der Liste der aktuell meistgelesenen Artikel.

Wenn es hier alleine darum ginge, möglichst viele Leute auf diese Seite zu locken, dann könnten ich alle paar Tage nachlegen und die Geschichte mit immer neuen Details weiterdrehen. Hier geht’s aber ums Schach und darum, dass es blüht.

In Deutschland blüht Schach längst nicht, wie es könnte, und das liegt unter anderem daran, dass das deutsche Schach gleich mehrere Gräben durchziehen. Einen davon, den aktuell tiefsten, hat Dirk Jordan ausgehoben (was erstaunlicherweise viele Leute nicht so sehen). Ein anderer verläuft mitten durch den Schachbund, markiert durch die Trennlinien, die die Präsidentenwahl 2017 aufzeigte. Davon abzweigend, verlaufen noch viele andere kleine Gräben in Richtung der Landesverbände.

Ein Strukturproblem, aber nicht nur. Viel zu viele Funktionäre sind vor allem damit beschäftigt, ihr Revier abzustecken, damit dort ja kein anderer gräbt, schürft womöglich. Auf die Idee, gemeinsam das Feld zu bestellen, kommen sie nicht, und die Gräben, die während ihrer Revierkämpfe entstehen, nehmen sie hin. In allererster Linie ums Schach geht es den wenigsten.

Auf den Brettern läuft’s ja halbwegs. Die Nationalmannschaft habe ich bei der Schacholympiade mit Freude begleitet, so weit das die limitierte Freizeit hergab. Ungeschlagen! Als einzige Mannschaft! Speziell die Partien des glänzend aufgelegten Daniel Fridman taugten, um das neue Perlen-Projekt voranzutreiben: den Youtube-Kanal.

Der ist noch längst nicht da, wo er sein soll. Hinsichtlich Video-Bearbeitung bin ich Anfänger, arbeite aber daran. Die anfänglichen Ton-Probleme müssten schon behoben sein, ab sofort senden wir rauschfrei und etwas lauter als zu Beginn. Im neuesten Video gibt es sogar Einblendungen, auch wenn die noch nicht professionell aussehen.

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Youtube übe ich noch. Ab sofort wird während der analysierten Partien Angebervokabular für die nächste Schachparty eingeblendet, und das Rauschen im Hintergrund ist jetzt weg (fast).

Ende Oktober ist auf dieser Seite wieder Keymer-Zeit: Vincent jagt auf der Isle of Man die dritte GM-Norm. Dann Weltmeisterschaft. Außerdem macht sehr bald unsere Schachschule wieder auf: Die Saison 2018/19 hat endlich begonnen. Während diese Zeilen entstehen, holt sich die erste Mannschaft des SC Überlingen in Konstanz eine gewaltige Klatsche ab. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wären auf den Brettern nicht eine Menge instruktive Fehler gemacht worden, die sich hier zu Aufgabe 97ff. verarbeiten ließen. Und, wer weiß, vielleicht ist sogar die eine oder Perle entstanden.

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Unterrichtest Du Schach? Weil zuletzt so viele Leute gefragt haben, fange ich damit jetzt wieder an, und die Schachschule wird nicht länger nur eine Aufgabensammlung im Internet sein.

Ab 2019 öffnet die Schachschule auch live und persönlich, nicht nur in Form einer Internet-Aufgabensammlung. Während die Perlen-Website wuchs und gedieh, haben mich immer mehr Anfragen erreicht, ob ich Schachunterricht gebe.

Früher habe ich das, und angesichts des offensichtlichen Bedarfs fange ich damit jetzt wieder an. Nicht für jeden, nicht unter allen Umständen, aber wenn ich auf Seiten des potenziellen Schülers Begeisterung und Ehrgeiz spüre, dann mit großer Freude. Mehr dazu demnächst an dieser Stelle.

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2 Kommentare zu „Heute feiern wir Geburtstag! Ein Jahr „Perlen vom Bodensee“

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