Ungarn und seine Schach-Sphinx: Erst wackelten die Sowjets, dann fielen sie

Die Dominanz des sowjetischen/russischen Schachs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veranschaulicht keine andere Statistik so eindrucksvoll wie die Siegerlisten der Schacholympiaden. 50 Jahre eilten die Russen von Sieg zu Sieg, von 1952 bis 2002.

Ein einziges Mal gelang es einer anderen Nation, die übermächtigen Schachmeister aus dem osteuropäischen Riesenreich hinter sich zu lassen. Den Ungarn gelang dieses Kunststück 1978 in Buenos Aires. Zwei Jähre später auf Malta hätten sie es beinahe wiederholt. Die Großmeister aus der UdSSR mussten sich auf die Feinwertung berufen, um sich vor den punktgleichen Ungarn die Goldmedaille zu sichern.

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1972 war es zum ersten Mal nach 20 Jahren knapp. Die Sowjets siegten, aber die Konkurrenz blieb auf Tuchfühlung. Angeführt von Robert Hübner im Zenit seines Könnens, mischte damals auch die deutsche Mannschaft ordentlich mit.

Keres, Smyslow, Bronstein, Geller – die Aufstellung der Sowjets an den ersten vier Brettern 1952. Das ist dermaßen unverschämt gut, besser noch als Caruana, So, Nakamura, Shankland, natürlich eilte diese Mannschaft allen anderen davon. Im historischen Kontext fragen wir uns, wie es sein kann, dass nur einer dieser vier Herren jemals Weltmeister wurde.

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Weltmeister Mikhail Botvinik hätte 1952 ja mitgespielt. Aber doch nicht am zweiten Brett!

Den amtierenden Weltmeister Mikhail Botvinik hatten die Sowjets 1952 übrigens zu Hause gelassen. Die Spieler hatten vor der Schacholympiade über die Aufstellung abgestimmt. Da sich Paul Keres in den Jahren zuvor durchgehend in Galaform präsentiert hatte, sollte der Este am ersten Brett spielen, Botvinik an zwei. Aber eine derartige Majestätisbeleidigung akzeptierte Botvinik nicht und verweigerte seine Teilnahme, was auf das Ergebnis des Turniers kaum Einfluss hatte. Die Mannschaft war derart überlegen, da fiel das Fehlen des Weltmeisters nicht groß  auf.

Die 1952 begonnene Dominanz setzte sich in den Jahren danach fort. Die UdSSR siegte jeweils mit großem Abstand. Erst 1972 in Skopje zeigte das junge ungarische Team um Lajos Portisch, dass die Sowjets nicht unbesiegbar sind. Deren 1972er-Aufstelleung Petrosian, Kortschnoi, Smyslov, Tal, Karpov klingt zwar noch einmal besser als die von 1952, aber den Ungarn fehlten am Ende nur 1,5 Brettpunkte zum großen Coup.

Ob die Sowjets besser gefahren wären, hätten sie noch Boris Spasski in die Riege ihrer Vorzeigespieler eingebaut? Aber der hatte kurz zuvor sein WM-Match gegen Bobby Fischer verloren, war dadurch in Ungnade gefallen und aus Sicht des Kremls international eben nicht mehr vorzeigbar.

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Der große Coup 1978: Ungarn, angeführt von Lajos Portisch, einen Punkt vor der Sowjetunion.
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Ein 80-Jähriger schreibt ein Eröffnungsbuch? Wir haben das tatsächlich für einen schlechten Scherz gehalten – bis uns eine euphorische Rezension nach der anderen begegnete. Lajos Portisch öffnet seine Spanisch-Trickkiste, die er in Jahrzehnten des Schachs auf Weltklasselevel prall gefüllt hat. Wer Spanisch spielt (oder dagegen), der ist mit diesem Werk mehr als gut beraten.

Mit Lajos Portisch hatte Ungarn einen Spieler, der 20 Jahre lang in der absoluten Weltspitze mitmischte. Siebenfacher WM-Kandidat, Endspielkünstler, harter Arbeiter, genannt „die Sphinx“ wegen seiner Regungslosigkeit am Brett. 20-mal spielte der 1937 geborene Portisch bei Schacholympiaden für Ungarn, erzielte 176,5 Punkte aus 260 Partien und ließ noch 1994 mit der drittbesten Elo-Leistung aller Teilnehmer aufhorchen.

Wie so oft, wenn das Schach eines Landes ein Gesicht hat, wuchsen im Sog Portischs schon vor den Polgar- und Leko-Jahren mehrere andere veritable Meister heran. Zoltan Ribli, Gyula Sax, Andras Adorjan. Und so machten die Ungarn 1978 wahr, was sie 1972 angedeutet hatten. Gold vor der UdSSR.

Weil der ungarische Nachwuchs beständig gedeiht, über Peter Leko, Judit Polgar bis zu Richard Rapport, blieben die Ungarn stets ein Kandidat, ganz oben mitzuspielen. 2002 und 2014 holten sie wieder Silber, zuletzt mit dem aufsteigenden Stern Richard Rapport in ihren Reihen und Routinier Judit Polgar als Bank am fünften Brett.

Diese beiden Letzgenannten fehlen 2018 in Batumi, und so ist Ungarn dieses Mal „nur“ an Nummer zwölf gesetzt, angeführt von Peter Leko, WM-Finalist und Trainer von Vincent Keymer. Dennoch: So eine Mannschaft zu schlagen, ist für die nominell etwas schlechtere deutsche Truppe ein Riesenerfolg.

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Nein, David Navara spielt nicht für Deutschland am ersten Brett. Dort saß in der ersten Runde gegen Syrien Georg Meier, aber der entzog sich den Fotografiekünsten von DSB-Geschäftsführer Marcus Fenner. Bundestrainer Dorian Rogozenco guckt, als sei Beerdigung, aber eigentlich haben die Deutschen in Batumi bislang Anlass zur Freude.

Vor allem verbeugen wir uns vor Großmeister Daniel Fridman. Der war schon unlängst bei der Europameisterschaft als einziger von vielen deutschen Großmeistern in unmittelbare Nähe der World-Cup-Qualifikation gekommen (ob Du Fridmans entscheidendes Bauernendspiel in der letzten Runde gewonnen hättest und zum World Cup gefahren wärst, kannst Du hier ausprobieren). Jetzt bei Olympia gegen Myanmar war ihm zunächst ein glänzender Sieg gegen einen unterlegenen Gegner gelungen, das kommt vor.

Aber einen 2.700-Großmeister wie Zoltan Almasi, den muss man erst einmal schlagen. Und das auch noch wie aus einem Guss, ohne dass der Gegner jemals auch nur in die Nähe von Gegenchancen kommt. Weil Fridman wieder eine bemerkenswerte Partie gelungen ist, beleuchten wir sie heute ausführlich und in Gänze – vom raffinierten neuen Eröffnungskonzept in einer Variante, die eigentlich als in Ordnung für Schwarz gilt, über die Transformation in ein günstiges Endspiel bis zum versteckten Manöver, das schließlich die schwarze Bastion kollabieren ließ.

Video: Daniel Fridman schlägt Zoltan Almasi

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2 Kommentare zu „Ungarn und seine Schach-Sphinx: Erst wackelten die Sowjets, dann fielen sie

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