Das erste WM-Match nach AlphaZero: Carlsen, Caruana und die lernenden Maschinen

Wegen eines Cricket-Matches hätte Schachweltmeister Vladimir Kramnik 2004 beinahe seinen Titel an Peter Leko verloren. Kramniks Sekundant Peter Svidler, ein großer Freund des Cricket-Sports, hatte die Aufgabe, eine kritische Variante des Marshall-Angriffs mit Computerhilfe zu prüfen. Das tat er, sah, dass der Rechner Kramniks Variante für gut befand, und schaltete die Maschine ab, um im TV Cricket zu schauen.

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Als Cricketspieler ist Peter Svidler weniger begnadet. Seine Leidenschaft für das Spiel hätte beinahe die Schachgeschichte verändert.

„Alles klar, das kannst Du spielen“, erklärte Svidler seinem Chef. Der begab sich tags darauf in diese Variante, ahnte nichts Böses – und verlor. Peter Leko fand am Brett eine Widerlegung, die Svidler entgangen war. Weil er Cricket sehen wollte, hatte Svidler den Rechner nicht lange genug rechnen lassen, um Lekos Zug vorherzusehen.

2010 wurde Schachweltmeister Visvanthan Anand mulmig, als ihn kurz vor dem WM-Match die Information erreichte, wie sich sein Herausforderer Veselin Topalow vorbereitet: Topalow hatte Zugriff auf einen Supercomputer der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften, in dem 8.192 Prozessoren vereint daran arbeiteten, taktische Fallstricke für Anand auszulegen. Der Inder würde sich der wahrscheinlich mit Abstand größten Rechenpower erwehren müssen, die jemals auf das altehrwürdige Spiel losgelassen worden war.

Die erste Revolution: ChessBase

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Computer verändern das Schach, seitdem der Hamburger Physikstudent Matthias Wüllenweber Mitte der 1980er die erste Schachdatenbank entwickelte: ChessBase. Diese erste maschinelle Revolution des Schachs versetzte Schachspieler in die Lage, ihre Gegner zu durchleuchten wie nie zuvor, sich ein genaues Bild von deren Stärken und Schwächen zu machen, um sie dann in Gefilde zu führen, in denen sie am ehesten straucheln werden. Spätestens ab seinem dritten WM-Match gegen Anatoli Karpow 1986 profitierte der technikaffine Garry Kasparow davon, mit diesem revolutionären Werkzeug besser vertraut zu sein als jeder andere Schachmeister.

Die zweite Revolution: Schachmeister Rechenknecht

Der ersten maschinellen Revolution im Schach folgte schnell die zweite. Bald dienten die Rechenknechte nicht mehr nur als Sortierer und Aufbereiter riesiger Mengen von Informationen. Sie spielten selbst, und das besser, als jeder Mensch es könnte.

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Ein intimer Einblick in eines seiner bittersten Erlebnisse, geschrieben mehr als 20 Jahre nach seiner Niederlage gegen DeepBlue. Das Buch soll auch ein optimistischer Ausblick in eine Zukunft sein, in der die Maschinen Ungeahntes erreichen werden. Der Mensch habe trotzdem nicht ausgespielt, sagt Garry Kasparow.

Computer haben das Schachverständnis revolutioniert, und das macht die zweite maschinelle  Revolution mindestens so gewichtig wie die Revolution der „Hypermodernen“ in den 1920er-Jahren. Die Maschinen lehrten uns, wie konkret und berechenbar das Schach ist, dass das Spiel in Angriff und vor allem Verteidigung viel mehr taktische Ressourcen birgt, als die Menschen annahmen. Selbst frühe Schachprogramme auf vergleichsweise langsamen Computern waren trotz ihrer Ahnungslosigkeit in Sachen Strategie schon stärker als Menschen, weil sie besser und schneller rechneten.

Kasparow, einst Profiteur der ersten Revolution, sollte der erste Schachweltmeister werden, der ein Match gegen eine Maschine verliert, und das aus einem sehr menschlichen Grund, nämlich dem, dass er mental kollabierte. Am Brett war Kasparow 1997 immer noch besser als die IBM-Maschine DeepBlue, nur gelang es ihm nicht, das zu zeigen.

Auch wenn er gewonnen hätte: die Maschinen wurden immer stärker, und es war klar, dass sie dem Menschen eher als Helfer und Lehrer denn als Gegner nützen würden. Bei jedem WM-Match der 2000er-Jahre erfüllten Schach spielende Rechenknechte als Analyse-Sherpa eine zentrale Rolle im Hintergrund.

Die dritte Revolution: AlphaZero und Leela

Die dritte maschinelle Revolution im Schach begann Ende 2017, als die Google-Tochter DeepMind ihren AlphaZero von der Leine ließ. Das erste Schach spielende neuronale Netz offenbarte, dass die im historischen Kontext noch ganz frische Erkenntnis vom konkreten, taktischen Schach zwar nicht falsch, aber oberflächlich ist. Über dem fast perfekt ausgerechneten Schach traditioneller Maschinen existiert noch eine Ebene, die des fast perfekten strategischen Schachs. AlphaZero schlug Stockfisch, weil es tiefer plante und Schach besser verstand.

„Ich habe mich oft gefragt, wie höhere Wesen Schach spielen würden. Jetzt weiß ich es“, sagte Großmeister Peter Heine-Nielsen tief beeindruckt, als er die AlphaZero-Partien gesehen hatte. Sogleich stellte sich die Frage, was Menschen von AlphaZero lernen können – und ob sich diese Erkenntnisse auf Partien zwischen Menschen übertragen lassen. Eine erste Antwort gab beim Kandidatenturnier im März 2018 in Berlin Alexander Grischuk, wenngleich augenzwinkernd.

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Die erste von AlphaZero inspirierte Partie zwischen Menschen: Grischuk vs Ding Liren, Berlin, Kandidatenturnier 2018.

Nach seiner Partie gegen Ding Liren behauptete der Russe glaubhaft, AlphaZero habe ihm das in dieser Partie demonstrierte tiefe stratregische Konzept eingeflüstert. Das stimmt zumindest insofern, als Grischuks neue Idee im Anti-Moskau tatsächlich von AlphaZero inspiriert gewesen sein könnte. Zugriff auf die DeepMind-Technik hat Grischuk freilich genauso wenig wie jeder andere Großmeister.

Carlsen – Caruana, das erste WM-Match, bei dem hinter den Kulissen lernende Maschinen mitspielen

Aber jetzt gibt es Leela Chess Zero, den AlphaZero für alle. Pünktlich zum WM-Match 2018 ist Leela schon fast so stark geworden wie ihr großer Bruder aus dem Google-Labor. Und nun stehen wir vor der Frage, welchen Einfluss die dritte maschinelle Revolution des Schachs auf das am 9. November beginnende WM-Match hat, das erste WM-Match der Geschichte, bei dem beiden Kontrahenten eine ganz neue Technik zur Verfügung steht, die zu ganz neuen Erkenntnissen führen könnte.

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Die Sherpas Peter Heine-Nielsen (links) und Jon-Ludvig Hammer (rechts) wollen dafür sorgen, dass Magnus Carlsen weiter auf dem Schachgipfel thront. (Foto: vg.no)

Nachdem Carlsen-Sekundant Heine-Nielsen seine Bewunderung für die AlphaZero-Partien kundgetan hatte, ließ sich wenig später Jon-Ludvig Hammer, ein weiterer Carlsen-Sekundant, dabei zuschauen, wie er öffentlich mit Leela analysiert. Hammer erklärte, dass er hinsichtlich der Vorbereitung auf das WM-Match neugierig ist, die Einschätzungen von Stockfish und Leela zu vergleichen, um daraus mögliche Strategien für das WM-Match abzuleiten.

Angesichts Heine-Nielsens Bewunderung und Hammers Neugier kann Caruana davon ausgehen, dass auf der Seite seines Gegners Leela mitspielt. Mit seinem Sekundanten Rustam Kazimdzhanov wird Caruana dafür sorgen, gleichermaßen bewaffnet zu sein. Es bleibt dabei, dass sich am Brett in London ausschließlich Carlsen und Caruana gegenübersitzen, aber auf beiden Seiten werden bei dieser WM erstmals neuronale Netze im Hintergrund bei der Vor- und Nachbereitung helfen.

Leela wird als WM-Kommentator mit von der Partie sein

Dem Otto-Normal-Zuschauer wird nicht entgehen, wenn Carlsen oder Caruana Pfaden folgen, die sie zuvor mit Leela ausgeleuchtet haben. Dafür sorgt das Internet-Portal Chessdom, dessen Computerschach-Weltmeisterschaft TCEC unlängst mehr Aufmerksamkeit als je zuvor erfuhr, weil erstmals Leela im Konzert der traditionellen Engines mitspielen durfte.

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Leela bei der CCCC: Wieder hat sie Stockfish überspielt, mit Schwarz sogar, aber wegen ihrer Endspielschwäche ist hier schon abzusehen, dass es für einen Sieg nicht reichen wird.

Als die TCEC ihre Zugriffszahlen dank Leelas Teilnahme verxfachte, war das ein Weckruf für den Branchenprimus chess.com. Die in Amerika beheimatete Schachfirma mit ihrem achtstelligen Jahresumsatz organisierte sogleich eine eigene Serie von Computer-Schachturnieren, die „Chess.com Computer Chess Championship“ (CCCC), bei der Leela sich in Eröffnung und Mittelspiel bereits auf Augenhöhe mit den besten traditionellen Engines Stockfish, Houdini und Komodo zeigt. Leider vergeigt sie so manche Partie im Endspiel, weil sie anders als die Konkurrenz wegen technischer Schwierigkeiten noch nicht auf Endspieldatenbanken zurückgreifen kann.

Damit über der CCCC nicht die TCEC in Vergessenheit gerät, legt Chessdom zur Weltmeisterschaft der Menschen nun nach. Auf dem TCEC-Portal wird während der WM in London Leela mitrechnen, betreut von einem menschlichen Großmeister, der die Einschätzungen der Maschine auf dem TCEC-Twitch-Kanal für die Zuschauer herunterbrechen wird – wenn er sie denn selbst versteht.

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