Alexander Donchenko im Interview: „Deutsche mögen kein Risiko. Ich will trotzdem Profi werden.“

Als einer von vier Spielern über 2.600 Elo zählt Alexander Donchenko zu den Favoriten bei der Junioren-Weltmeisterschaft, die gerade in der Türkei läuft. Im Interview mit Chessbase-India-Gründer Sagar Shah spricht der 20-Jährige über die Attitüde, mit der er den Wettbewerb angeht, und offenbart Einblicke in das Leben eines jungen Mannes, der sein Studium abgebrochen hat, um Schachprofi zu werden.

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Alexander Donchenko erklärt seine Zweitrundenpartie im Interview mit Sagar Shah.

Wir haben mitgeschrieben, übersetzt und zusammengefasst.

Alexander Donchenko über

Eröffnungspoker:

Die gegnerische Vorbereitung kannst Du umgehen, indem Du von Deinen eigentlichen Varianten abweichst. Dann hast Du etwas auf dem Brett, das Du nicht kennst – und der Gegner hoffentlich auch nicht. Aber wenn es schlecht läuft, hat der Gegner das vorausgesehen. Deswegen ist die Eröffnung ist immer ein Pokerspiel: Wer hat was vorbereitet, wer fühlt sich in welcher Art von Stellung komfortabler.

Die Konkurrenz bei der Junioren-WM:

Vier Spieler über 2.600 – das klingt erst einmal nicht so schlimm. Aber hier spielen auch 30 Leute über 2.500, und jeder von denen ist sehr jung (und damit potenziell unterbewertet). Wahrscheinlich sind sogar viele von denen unter 2.500 an einem guten Tag in der Lage, jeden zu schlagen. Also gibt es hier an der Spitze ungefähr 50 Leute, von denen jeder jeden schlagen kann. Das Turnier ist offen.

Stress bei einer Weltmeisterschaft:

Hier wird schon auf einem sehr hohen Level Schach gespielt. Einfach nur rumdaddeln und hoffen, es wird schon laufen, das geht nicht. Und nicht zuletzt geht es um einen Weltmeistertitel und mehr. Das ist für alle Beteiligten ein Nervenkitzel, auch für mich.

Den Titel „Junioren-Weltmeister“:

Ich versuche vor allem, nicht daran zu denken. Mein Spiel würde leiden, wenn ich mich nicht davon befreien kann. Der größte Preis, den es hier zu gewinnen gibt, ist ohnehin die Qualifikation für den World Cup. Der WM-Titel ist natürlich auch nett, aber der gilt nur für ein Jahr, dann ist ein anderer an der Reihe.

Zeitaufwand für Schach:

Schach ist die einzige Sache, in die ich ernsthaft Zeit investiere. Aber das bedeutet nicht, dass ich jeden Tag acht Stunden lang dasitze und mich in schwierige Stellungen verbeiße. Trotzdem, Schach ist im Moment meine Hauptbeschäftigung. Ich versuche, besser zu werden.

Schule, Studium:

Die Schule habe ich abgeschlossen und für zwei Jahre studiert, aber das ließ sich nicht recht mit Schach vereinbaren. Also lote ich jetzt aus, ob eine Profikarriere drin ist, versuche, mein Rating zu verbessern und zu sehen, wie weit ich kommen kann.

Das Leben als Schachprofi:

Professionell zu Schach zu spielen, fühlt sich erstaunlich leicht an, wenn ich das mit meinen zwei Jahren an der Uni vergleiche. Seinerzeit fühlte ich mich gehemmt. Ich konnte mir ja nicht sagen, dass Schach das eigentliche Feld ist, in dem ich vorankommen will, weil ich ja auch noch studiert habe. Jetzt kann ich mich leichter motivieren.

Einkommen, Sponsoren:

Klar, im Moment gewinne ich keine großen Preisgelder wie die Spitzenspieler in den Superturnieren. Wenn ich auf meinem jetzigen Level von gut 2.600 stagnieren würde, dann würde ich kein Schachprofi sein wollen. Das ist kein leichtes Leben. Man muss ständig offene Turniere spielen, die schachlich nicht so interessant sind, wenn man der an Nummer eins gesetzte Spieler ist. Dort musst Du halt alles gewinnen, um Dir die 1.000 oder 1.500 Euro für den ersten Platz zu sichern. Aber für einen 2.700-Spieler ist es, glaube ich, gar nicht so schlecht. Auf dem Level kann man sich die Turniere aussuchen, was für mich wichtig ist, um die Turniere zu spielen, die mich weiterbringen.

Warum Deutschland keine Weltklassespieler hervorbringt:

Schach ist, glaube ich, in Deutschland nicht so angesehen wie anderswo, gilt eher als Zeitvertreib für die Freizeit. Und weil junge Schachspieler in der Regel eine gute Schulbildung haben, gehen sie nach der Schule auf die Uni und studieren, um später einen gut bezahlten Job zu bekommen. Wer stattdessen Schach spielt, der geht ein Risiko ein – und das mögen Deutsche gar nicht. Jeder wird Dich fragen: „Schach statt Studium? Bist Du Dir da wirklich sicher?“ Und es stimmt ja auch auf eine Weise. Wer eine normale berufliche Karriere mit Schach übertreffen will, der braucht mindestens 2.700 Elo, aber die Arbeit, die dafür nötig ist, will kaum jemand investieren – und wer es doch tut, der mag trotzdem scheitern.

Trainer:

Im Moment habe ich keinen Trainer, und ich hatte auch nie einen, mit dem ich über einen längeren Zeitraum zusammengearbeitet habe. Natürlich arbeite ich mit anderen zusammen, aber das sind eher keine Coaches.

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