Warum Schach ein Gesicht braucht: ein deutscher Glanzsieg in Moskau und ein Ausflug ins Semi-Slawische

Vor 25 Jahren war Indien ein weißer Fleck auf der Schach-Landkarte. Heute ist Schach Volkssport, Visvanathan Anand eine Ikone, und Indien wird sehr bald die dominierende Schachnation sein.

Vor 15 Jahren war Norwegen ein weißer Fleck auf der Schach-Landkarte, der allenfalls durch das Kuriosum auffiel, dass der beste Schachspieler des Landes auch in der Fußball-Nationalmannschaft spielte. Heute läuft im nationalen norwegischen TV stundenlang Schach, und Magnus Carlsen ist ein Volksheld wie hierzulande Boris Becker zu seiner besten Zeit. Im Carlsen-Sog entwickelt sich auch Norwegen zur Schach-Großmacht.

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Wer nach einem Grund sucht, Spitzenschach mit aller Kraft zu fördern, der muss nur nach Indien oder Norwegen schauen – oder in die USA. Hat das nationale Schach einen Vorzeigespieler von Weltklasseformat, entsteht eine Dynamik, von der auch der letzte Breitenschach-Klötzchenschieber im kleinsten Dorfverein profitiert. Um zu gedeihen, braucht die Randsportart Schach eine Identifikationsfigur, ein Gesicht.

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Schach braucht Gesichter, hier ist eines: der deutsche Nationalspieler Rasmus Svane. (Foto: Uwe Zinke)

Hätten wir die „Konzeption zur Leistungssportförderung im DSB“ verfasst, dieser Gedanke stünde ganz oben, über allem. Stattdessen stehen dort andere Sachen, die alle nicht falsch sind, aber eben das zentrale, wichtigste Argument für Spitzensport ignorieren.

Das unter Punkt zwei formulierte Ziel „Junge Leute so gut machen, dass sie Nationalspieler werden“ hat jetzt ein weiteres ehemaliges Mitglied der Prinzengruppe erreicht. Rasmus Svane (21) wird bei der Schacholympiade in Batumi für Deutschland spielen, nach Matthias Blübaum der zweite Prinz, der es in die deutsche Auswahl geschafft hat.

Nominell war es eine knappe Entscheidung, wen Deutschland nach Batumi schicken soll. Aber wer Zweifel an der Nominierung Svanes hatte, den hat der junge Großmeister in den vergangenen Wochen eines Besseren belehrt. Bei den Open in Riga wie in Helsingor landete Svane ganz vorne.

Video: Rasmus Svanes Glanzsieg gegen Natalia Pogonina

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Angefangen hatte das Schachjahr 2018 eher durchwachsen. 4,5/9 beim Aeroflot Open in Moskau gegen einen 2.530-Gegnerschnitt war kein Desaster, aber auch kein Indiz für Galaform. Immerhin erfreute Svane nicht nur deutsche Schachfans mit einem wunderbaren Sieg über die russische Großmeisterin Natalia Pogonina. Die war in einer semi-slawischen Partie recht bald in planloses Hin- und Herziehen verfallen – und wurde dafür von Svane spektakulär bestraft.

Keymers Vorbereitung auf Svane blieb hinter den Kulissen – im Video lüften wir den Vorhang

Ein paar Monate später in Helsingor kam es zu einem deutschen Duell: Vincent Keymer gegen Rasmus Svane, eine Chance für den 13-Jährigen zu zeigen, dass er schon jetzt auf dem Level seiner künftigen Mitspieler in der Nationalmannschaft mithalten kann. Vincent steuerte genau die Variante an, die Svane im Februar gegen Pogonina auf dem Brett gehabt hatte, bekam aber nicht das aufs Brett, was er sich erhoffte, weil Svane in der Zwischenzeit seine Eröffnungs-Hausaufgaben erledigt hatte.

Zwischen den beiden entstand eine ausgeglichene Partie, in der Keymer mit Weiß ein wenig Druck entwickelte, den Svane nach und nach neutralisierte. Am Ende trennten sie sich unentschieden. Hinter den Kulissen blieb die Vorbereitung beider Spieler – was hatte Keymer geplant, wo sah Svane ein Problem in seiner Partie gegen Pogonina, wo hatte er Präventivmaßnahmen gegen Keymers Vorbereitung ergriffen? Beides holen wir in unserem neuen Video ans Tageslicht.

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Wer nach unserem kleinen Ausflug in semi-slawische Gefilde Appetit auf mehr bekommen hat, dem empfehlen wir die DVD „The Semi Slav“ von Peter Heine-Nielsen rechts, die in unserem Schach-DVD-Regal einen der prominentesten Plätze besetzt. Peter Heine-Nielsen als „Magnus Carlsens Gehirn“ zu bezeichnen, wäre natürlich übertrieben, aber nicht abwegig, denn niemand hat größeren Einfluss auf die Eröffnungswahl des Weltmeisters als der hünenhafte Däne. Seine Profi-Karriere hat der studierte Historiker aufgegeben, um den Weltmeister als Zuarbeiter und Sekundant zu begleiten.

Selten ist uns eine Empfehlung so leicht gefallen wie heute, und das liegt nicht nur an Peter Heine-Nielsen, der sein enzyklopädisches Wissen stringent aufbereitet, locker präsentiert und die historische Entwicklung der unter dem Oberbegriff Semi-Slawisch zusammengefassten Eröffnungssysteme nicht vernachlässigt.

Ob Meraner System, Anti-Moskau oder Botwinik, Heine Nielsen flicht sogar die eine oder andere Anekdote ein und stellt obendrein Trainingsaufgaben und -partien bereit, damit der Zuschauer seinen Lernerfolg prüfen und vertiefen kann. Wir kennen kein besseres oder gleichwertiges Werk über diesen Eröffnungskomplex, und das liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit daran, dass es keines gibt.

Ein weiteres Argument ist der Preis, denn der Käufer muss gar nicht den (gerechtfertigten) Chessbase-Werkspreis bezahlen. Auf Amazon ist die DVD noch 20 Prozent günstiger.

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