Erste Feuerprobe für Fabis Russen: das finale Gefecht vor der Schlacht in London

Pünktlich zum WM-Match spürt Magnus Carlsen den Atem seines Herausforderers im Nacken. Vor der siebten Runde des Sinquefield-Cups war Fabiano Caruana in der Live-Weltrangliste so nahe an den seit sechs Jahren oben thronenden Carlsen herangerückt, dass ihm ein Sieg den Platz an der Spitze bescheren würde.

Es war also ordentlich Druck im Kessel vor der letzten Partie von C&C vor ihrem Match in London. „Ich war nervös. Heute stand einiges auf dem Spiel“, räumte Carlsen nach der Partie ein; eine Partie, die zeigte, dass der Weltmeister unter Druck Bestleistung abzurufen vermag – zumindest für 26 Züge.

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Illustrationen: Willum Morsch (@WillumTM)

Nun muss er daran arbeiten, die Spannung hochzuhalten, bis der Gegner sich geschlagen gibt. In St. Louis gelang ihm das auf spektakuläre Weise nicht. Mit dem Sieg vor Augen begab sich Carlsen vor die Live-Kameras in der Geständnisbox und bedeutete seinen Kritikern, die Klappe zu halten, eine im professionellen Sport geläufige Geste, die es in der Geschichte des Schachs noch nie gegeben hatte. Auf dem Brett, auf dem es bis dahin prächtig gelaufen war, geriet Carlsen danach ins Trudeln, verpasste den Fast-Gewinnzug 27.f5-f6, und Caruana zog den Kopf aus der Schlinge.

Um sich in London optimistisch und entschlossen ans Brett setzen zu können, werden beide aus ihren Ergebnissen zuletzt und aus ihren direkten Begegnungen in erster Linie das Positive herausziehen wollen. Beide werden eine Menge finden. Carlsen wird optimistisch stimmen, dass er Caruana zuletzt im Griff hatte, Caruana, dass er von drei potenziellen Verlustpartien zwei gehalten und abseits davon mindestens auf dem Level von Carlsen gespielt hat – wenn nicht besser.

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Im Spitzensport eine geläufige Geste, jetzt auch beim Schach.

Nach zwei gewonnenen WM-Matches gegen Visvanathan Anand umgab Magnus Carlsen lange der Nimbus eines geduldig-gnadenlosen Vollstreckers, der die Partie nach Hause schieben wird, der seine Gegner schier zwingt zu kollabieren, wenn es ihm nur gelingt, ein wenig Druck aufzubauen und aufrecht zu halten. Diese Qualität schien ihm zuletzt abhanden gekommen zu sein, doch jetzt in St. Louis hat er sie neu entdeckt. Zwar entglitt ihm die Partie gegen Caruana, aber zwei gewonnene Seeschlagen gegen Nakamura und Karjakin sorgten gleichwohl dafür, dass sich Carlsen am Ende den Turniersieg mit Caruana und Aronian teilte.

Dafür haderte Carlsen mit seinem Pragmatismus, der doch eigentlich seinen Stil kennzeichnet. Die Stellung, in der er mit 27.f6! gegen Caruana den Sack fast schon zumachen konnte, ähnelt im übertragenen Sinne der vom Mai nach einem Eigenbau-Sizilianer gegen Wojtaszek, in der Carlsen den Gewinnzug 18.Sd5! zwar sah, aber lieber schnell einen soliden Zug spielte und den Druck aufrecht hielt, anstatt unter großem Zeitaufwand einen möglichen unmittelbaren Gewinn zu prüfen. Gegen Wojtaszek funktionierte der Ansatz, Konkretes zu vermeiden, gegen Caruana verdarb er die Partie.

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Caruana hat zuletzt gegen Carlsen zwar erhebliche Schwierigkeiten gehabt, blickt aber auf ein nach Wijk herausragendes Jahr 2018 zurück. Sogar bei Carlsens Heimspiel in Norwegen und trotz einer Niederlage im direkten Vergleich landete er am Ende vor dem Weltmeister. Und hätte Sam Shankland nicht bei der US-Meisterschaft über den Dingen gestanden, Caruana hätte in den Monaten vor der WM jedes Turnier gewonnen, an dem er teilgenommen hat.

Sicher ist, dass ein WM-Match bevorsteht, bei dem wieder die klare Nummer eins und zwei der Welt aufeinandertreffen. Das gab es schon viele Jahre nicht mehr. Noch vor dem Kandidatenturnier in Berlin war die Frage ungeklärt, wer denn nun die Nummer zwei ist und ob es überhaupt eine eindeutige Nummer zwei gibt. Diese Frage hat Caruana im zurückliegenden Halbjahr überzeugend beantwortet. Jetzt muss er nur noch die Schwierigkeiten in seinen Partien gegen die Nummer eins in den Griff bekommen, die gegen andere Gegner für ihn untypischen taktischen Fehler auch gegen Carlsen abstellen, dann könnte er Ende November selbst die Nummer eins sein.

Das letzte Aufeinandertreffen der beiden vor dem WM-Match:

Carlsen, Magnus (2.842) – Caruana, Fabiano (2.822)
St. Louis, 25. August 2018, Russische Verteidigung

1. e4 e5 2. Nf3

Anders als Ende Mai in Stavanger bietet der der Champion seinem Herausforderer an, schon vor dem WM-Match die Debatte zu beginnen, die die beiden voraussichtlich in London weiterführen werden.

2… Nf6

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Natürlich. Wird Caruanas Russe halten, wird er ihm gar die so bitter benötigten Gegenchancen auch mit Schwarz bescheren? Und was wird Carlsen nach Monaten der Vorbereitung gegen Caruanas Hauptwaffe gegen 1.e4 ausgetüftelt haben? Zentrale Fragen vor dem Match, deren Antworten erheblichen Einfluss auf das Ergebnis haben werden.

3. Nxe5 d6 4. Nf3 Nxe4

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5. Nc3

Einst eine Nebenvariante, heute der Hauptzug neben 5.d4.

(5. Qe2 Qe7 6. d3 Nf6 7. Nc3 Qxe2+ 8. Bxe2 probierte Carlsen Anfang 2018 in Wijk an Zee gegen Caruana, ohne damit viel zu erreichen.)

5… Nxc3 6. dxc3 Be7 7. Be3 Nc6

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8. Bc4

Ein auf Großmeisterlevel bislang nicht gespielter, carlsenesker Zug, der Caruana in ein siebenminütiges Nachdenken versetzte. Ob es gut für Weiß ist, sich so früh auf einen exponierten Posten für den Läufer festzulegen, wäre noch zu klären. Allemal kann der Schwarze jetzt nicht seine übliche Schablone …Le6, …Dd7 und …0-0-0 auflegen. Aber selbst für den wahrscheinlichen Fall, dass Carlsen in London nicht 8.Lc4 zu spielen gedachte und Caruana zwei Monate vor dem Match nur etwas zum Nachdenken geben wollte – nach dem günstigen Verlauf dieser Partie wird auch Carlsen nachdenken, ob er diesen Versuch aus St. Louis womöglich beim Kampf um die Krone wiederholen will.

(8. Qd2 ist der fast automatische Zug. Weiß bleibt flexibel mit dem weißfeldrigen Läufer, rochiert sofort lang und stürmt dann am Königsflügel los. 8… Be6 9. O-O-O Qd7 10. Kb1 Bf6 11. h4 O-O-O ist ein oft debattiertes Abspiel, das auch Caruana schon zwei Mal auf dem Brett hatte. Generell sind die Schwarzen in der jüngeren Vergangenheit mit der langen Rochade gut gefahren, nachdem die Variante 5.Sc3 wieder populär geworden war und den Weißen anfangs gute Ergebnisse beschert hatte.)

8… O-O 9. Qd2

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9… Bf5

Schwarz nimmt den Kampf an, hält bei entgegengesetzten Rochaden Material auf dem Brett.

(9… Ne5 befragt direkt den vorwitzigen Lc4. 10. Nxe5 dxe5 11. O-O-O Qxd2+ 12. Rxd2 sieht nicht aus wie ein Endspiel, dass der Schwarze übermäßig fürchten muss. Die Fernpartie Borzenko,A (2513)-Helbich,J (2545), ICCF email 2008, endete bald remis. Aber weder entspräche 9… Se5 Caruanas unternehmungslustigem Stil, noch wird er es sich in London leisten können, schnell die Luft aus den Partien zu lassen – auch aus den Schwarzpartien.)

10. O-O-O Qd7 11. Kb1 Tfe8

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Der Le7 soll für den Moment auf f8 verschwinden, um die e-Linie zu räumen. …Lf6 ist nur die scheinbar aktivere Option: Weiß bekäme ein Ziel präsentiert, gegen das er per h4 und Lg5 spielen könnte.

12. h4 Bf8 13. h5 h6

Bis hier und nicht weiter. Der Vormarsch auf der h-Linie ist gestoppt, aber jetzt bietet sich dem Weißen ein Weg, die g-Linie zu öffnen: g2-g4-g5xh6.

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14. Be2 

Carlsen sucht und findet die beste Aufstellung, bevor er am Königsflügel losmarschiert. Der Lc4 soll dem Schwarzen nicht länger eine Marke bieten, um sich per …Se5 zu entlasten, also zieht er sich zurück.

(14. Rdg1 würden Normalsterbliche ziehen, aber das ist wahrscheinlich nicht so präzise wie Carlsens Zug. 14… Bg4 15. Nh2 Bxh5 16. g4 Bg6 17. g5 h5 18. Nf1 nebst Sg3 wäre zwar angenehm für Weiß, aber Schwarz wählt stattdessen 15…Se5! 16. Be2 (16. Bb3 a5) 16… Bxe2 17. Qxe2 d5 und droht, per …Sc4 und …Db5 sehr ernsthaftes Gegenspiel am Damenflügel aufzuziehen.)

14… Bg4 15. Nh2 Bxe2 16. Qxe2

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16… Ne5

„Seltsam, ich dachte, dass ich hier gut stehen sollte“, erklärte Caruana nach der Partie. „Dann wurde ich immer weiter zurückgedrängt, und es würde auf ein schwieriges Endspiel hinauslaufen, egal, was ich mache.“ Den Finger auf einen Punkt zu legen, ab dem Caruanas Stellung den Bach runterging, ist in der Tat nicht einfach. Womöglich muss er sich schon hier nach Alternativen umsehen.}

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(16… d5! schlägt die Maschine bei großen Suchtiefen als Verbesserung vor und bewertet die Stellung als ausgeglichen. …Nc6-e5(-c4) bleibt die schwarze Idee, und nun mag der freigelegte Lf8 dazu beitragen, dass Schwarz seinerseits Spiel gegen den weißen König bekommt. Außerdem plant Schwarz …Tad8, und das hält wegen der Möglichkeit …d4 den Td1 davon ab, sich in den weißen Angriff am Königsflügel einzuschalten. Am Rande ist auch …Lc5 ist jetzt gelegentlich eine Option, etwa nach 17.Tdg1?!. 17. g4 Rad8 18. Rhg1 (18. Rdg1?! d4) 18… Ne5 Perfektes Timing. Erst sorgt der Springer auf c6 dafür, dass …d4 in der Luft liegt, so dass Weiß seinen Turm auf der d-Linie halten muss. Nun, da der h-Turm nach g1 gezogen ist, hat Schwarz das notwendige Tempo Zeit, die Fesselung auf der e-Linie aufzuheben und den Gaul nach c4 austreten zu lassen. 19. b3 (19. g5 Nc4 mit vollwertigem Gegenspiel 20. gxh6?? Qb5-+) (19. Bc1 f6 und Schwarz ist okay.) 19… Qc6 20. Qd2 (20. g5 Qxc3 Droht mit Macht …Sc4, und Weiß bekommt zu spüren, dass der Lf8 für Schwarz auch offensiv eine zentrale Rolle spielt.) 20… f6 21. f4 Nf7 (Diagramm) und die Springerroute f7-d6-e4 sichert dem Schwarzen gutes Spiel.)

17. Bc1 +=

Cool. Mögliche Abzüge auf der e-Linie kümmern den Weißen nicht. Carlsen stellt sicher, dass Schwarz nicht per z.B. …Dc6, …Sc4 und …Db5 Gegenspiel gegen seinen König findet, und nimmt wie schon mit 14.Le2 dem Schwarzen alle möglichen Ziele im Zentrum.

17… Qc6 18. f4 Nc4 19. Qd3

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19… Qe4 

Der natürliche Entlastungszug, aber auch ein Zeichen, dass es für Schwarz schon in erster Linie darum geht, einen tödlichen weißen Angriff zu vermeiden.

(US-GM Robert Hess schlug das Bauernopfer 19… d5 20. Qxd5 Qxd5 21. Rxd5 vor, und das sieht auch danach aus, als habe Schwarz ein wenig Aktivität für den Bauern, aber volle Kompensation bestimmt nicht. Wahrscheinlich ist es hier schon zu spät, um nach Wegen zum Ausgleich zu suchen.)

20. g4 Ne3 21. Rde1 Qxd3 22. cxd3 Nd5 23. Reg1

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23… Re6?!

Schaltet vollends auf Verteidigung um, wie so oft ein Fehler, wenn es eine aktive Alternative gab. Wahrscheinlich plante Caruana hier schon 24…Se7 in der Annahme, dass danach seine Auffangstellung stabil sein sollte, und verzichtete darum auf das bessere

(23… Re2 24. g5 Kh7 mit nur moderatem weißem Vorteil.)

24. g5

Schwarz steht unter Druck, hat kein Gegenspiel, und nun unterläuft ihm auch noch ein taktischer Fehler. 26.f5! hatte Caruana zwar kommen sehen, dachte aber, dass der Zug nicht funktioniert.

24… Ne7?

(24… Kh7 muss Schwarz spielen, und es bleibt eine offene Frage, ob Weiß wird durchbrechen können.)

(24… hxg5 25. fxg5 Rae8 26. Ng4 hatte Caruana erwogen, aber verworfen: „Wenn Schwarz perfekt spielt, hält er das vielleicht.“)

25. gxh6 Rxh6 26. f5!

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(Foto: St. Louis Chess/Youtube)

Jetzt schnuppert Weiß erstmals am Partiegewinn. Während Caruana seinen Fehler verdaute und nach einer Aufstellung suchte, verschwand Carlsen in der „Geständniskiste“, um vor laufenden Live-Kameras wortlos den gestreckten Zeigefinger vor die geschürzten Lippen zu legen: „Kritiker, haltet besser die Klappe“, so die Botschaft. „Das ging wohl nach hinten los“, räumte Carlsen nach der Partie ein.

26… Rh7

(26… Rxh5?? 27. Ng4 Rxh1 28. Nf6+ Kh8 29. Rxh1# war Caruana entgangen, als er 23…Te6 mit der Idee 24…Se7? zog.)

27. Ng4?!

In dem Irrglauben gespielt, dass es egal ist, ob Weiß erst Sg4 oder f6 zieht. „Meine Intuition sagte sogar f6“, so nach der Partie der mehr als unzufriedene Carlsen. „Aber ich vertraue ihr nicht, das ist kein gutes Zeichen.“ 27.Sg4 droht zwar kräftig Sf6+, zwingt Schwarz aber geradezu in das Manöver …Kh8 nebst … Sg8, das seinen Königsflügel zusammenhält.

(27. f6 Nd5 28. Ng4 Droht Sh6+. 28… g6! und Schwarz hält für den Moment, steht aber ohne Gegenspiel unter schwerstem Druck. Das scheinbar natürlichere 28… Kh8? 29. Bg5 verliert unmittelbar Material. Schwarz kann nicht auf f6 schlagen, dann wird er matt.)

27… Kh8 28. f6 Ng8

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Die auf engem Raum eingeschnürte schwarze Armee bietet ein trauriges Bild, aber mit einem Mal ist nicht klar, wie es nun für Weiß weitergeht. Und nun begann Carlsen, jede Menge Zeit zu verbrauchen, ohne einen Plan zu finden, mit dem er die totale Kontrolle aufrecht erhält.

29. fxg7+

(29. h6!? ist ein interessanter Versuch, um für den Preis eines Bauern die schwarzen Kräfte komplett zu paralysieren. Caruana hatte 29.h6 erwartet und war darüber alles andere als glücklich: „Ich kann ja nichts ziehen.“ 29… Nxf6 (29… gxh6 30. Rh5) 30. Nxf6 gxf6 31. Re1 und Weiß ist am Drücker.)

29… Rxg7 30. Be3 c5

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31. Bf4?! +=

(31. Bd2 mit der Idee c4 und Lc3 stellt Schwarz Probleme.)

31… Re8

Jetzt ist Schwarz aus dem Gröbsten raus.

32. Ne3 Rxg1+ 33. Rxg1 Re6 34. Nd5 Nf6 35. Nc7 Re2 36. Nb5 Re6

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37. Rf1

(37. Nxa7 Kh7! bringt Weiß nicht weiter. Der h-Bauer wird früher oder später fallen, die schwarzen Figuren stehen zentraler und aktiver als die weißen.)

37… Kg8 38. Nc7 Re2 39. Nb5 Re6 40. Nc7 Re2 41. Nb5 Re6

carlsencaruana14.jpg

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4 Kommentare zu „Erste Feuerprobe für Fabis Russen: das finale Gefecht vor der Schlacht in London

    1. Die eigentliche Notation wird automatisch von Chessbase in Englisch generiert. Wäre eine Heidenarbeit das manuell einzudeutschen. Aber bei getippten Kommentaren versuche ich die deutschen zu nehmen, klappt aber nur zu 90% 😉

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