Spielen wie Gott mit sieben Steinen: die neue Endspieldatenbank von Lichess

Wie sehr die offene und freie Schach-Plattform Lichess die kommerzielle Konkurrenz vor sich hertreibt, haben wir im Lauf der vergangenen Monate mehrfach beleuchtet. In zumindest einer Hinsicht hat Lichess jetzt alle anderen abgehängt. Seit heute bietet Lichess Zugriff auf eine Sieben-Steine-Endspieldatenbank. Die gab es bislang nur an ausgewählten Stellen im Netz, und das nur gegen Bezahlung. Wer jetzt in Stellungen mit sieben und weniger Steinen auf dem Brett wissen möchte, wie Gott spielen würde, der kann das ab sofort gratis bei Lichess nachgucken.

Vom ersten Weltmeister Wilhelm Steinitz (1836-1900) heißt es, er habe am Ende seines Lebens, als der Geist nachließ, Gott herausgefordert. Ob der nach Steinitz‘ Ableben die Herausforderung angenommen hat, wir wissen es nicht. Falls ja, können wir sicher sein, dass Steinitz gegen das perfekte Schach seines Schöpfers keine Chance gehabt hätte, denn davon ist der Mensch weit entfernt – außer es stehen sieben oder weniger Steine auf dem Brett. Dann können wir den perfekten Zug in der Tablebase nachschauen.

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In der neunten Partie seines WM-Matches 1890/91 in New York gegen Isidor Gunsberg hatte Steinitz sogar gegen einen Gegner aus Fleisch und Blut arge Probleme. Aber Gunsberg spielte in der Diagrammstellung oben 73…Kf3, und die Partie endete remis. Nachdem Analysten und Kommentatoren die Partie geprüft hatten, hieß es mehr als 120 Jahre lang, Gunsberg hätte mit 73…Kd5 gewinnen können. Dass das falsch war, wissen wir seit 2012, als die erste Sieben-Steiner-Endspieldatenbank zeigte, dass Weiß mit bester Verteidigung immer remis hält, egal, was Schwarz zieht.

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Chessbase-Mitgründer Frederic Friedel (Foto: Chessbase)

Endspiel-Datenbanken gibt es sogar schon seit den 1980ern, seinerzeit noch Datenbanken mit allen möglichen Stellungen, die sich mit vier Steinen auf dem Brett ergeben können. Zum Beispiel König plus Dame gegen König plus Turm. Das galt in der Computer-Steinzeit als leicht gewonnen für die Dame, bis Chessbase-Chef Frederic Friedel bei mehreren Gelegenheiten zehn Dollar Preisgeld für denjenigen ausschrieb, der das Endspiel gegen eine Datenbank gewinnen kann.

Erst scheiterte Artur Jussupow, seinerzeit die Nummer drei der Welt. Dann zog Friedel Garry Kasparow und Anatoli Karpow heran, die Nummer eins und zwei, die einander sogar beraten durften. Auch diesen beiden gelang es nicht, dem Computer seinen Turm abzuluchsen. Selbiges galt für das seinerzeit 14-jährige Supertalent Peter Leko (heute Trainer von Vincent Keymer), als der junge Ungar Friedel daheim in Hamburg besuchte. Doch über Nacht arbeitete Leko aus, nach welcher Strategie der Verteidiger vorgeht, und wie diese perfekte Verteidigung zu brechen ist. Am nächsten Morgen zeigte er Friedel, wie sich das Endspiel gewinnen lässt.

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Leko war der erste, der an Frederic Friedels Wohnzimmertisch mit Hilfe von Endspieldatenbanken einen Teil seines Endspielverständnisses auf eine neue Stufe hob. Die perfekten Züge vorgeführt zu bekommen, bedeutet ja noch keine Erkenntnis – für die muss der Mensch die Strategie hinter diesen Zügen verstehen. Der englische Großmeister und Mathematiker John Nunn war der erste, der sich dieser Mammutaufgabe stellte.

Mit jedem neuen Entwicklungssprung dank steigender Rechenpower und Speicherkapazität, vom Vier- zum Fünf- zum Sechssteiner, bekam Nunn neues Studienmaterial. Daraus fertigte er eine Reihe von Endspielbüchern, die unser Verständnis diverser Endspiele umgekrempelt haben. „Nunn’s chess endings, volume 1“ und „Nunn’s chess endings, volume 2“ gelten heute als Standardwerke, die unter anderem in der Praxis relevante Erkenntnisse aus Datenbanken in für Menschen anwendbare Strategien übertragen. Auf Deutsch erhältlich ist Nunns weniger umfängliches, aber leichter verdauliches „Das Verständnis der Schachendspiele“, das eher darauf ausgelegt ist, Endspiel-Grundwissen zu vermitteln.

Der Acht-Steiner ist noch nicht in Sicht

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Wie rasant sich Technik entwickelt, sehen wir auch beim Schach immer wieder. Als vor nicht einmal einem Jahr die Google-Tochter DeepMind ihren AlphaZero einmottete, hieß es, bis zum AlphaZero fürs Laptop würden Jahre, womöglich Jahrzehnte vergehen. Zehn Monate später ist LeelaZero drauf und dran, AlphaZero vergessen zu machen.

Und doch mögen Endspieldatenbanken ein anders gelagerter Fall sein. Sechs Jahre sind seit der ersten Sieben-Steine-Datenbank vergangen, und noch ist kein Acht-Steiner in Sicht. Mit jeder zusätzlichen Figur steigt der erforderliche Recheneinsatz und die erforderliche Speicherkapazität exponentiell. Als das Lichess-Team jetzt die Frage gestellt bekam, wann denn die Acht-Steiner verfügbar sein werden, hieß es augenzwinkernd: „In 200 Jahren vielleicht?!“

Ja, bis zum Acht-Steiner wird es noch eine Weile dauern. Aber wir lehnen uns nicht weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten, dass die Lichess-Prognose arg pessimistisch ist. Warten wir’s ab 😉

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5 Kommentare zu „Spielen wie Gott mit sieben Steinen: die neue Endspieldatenbank von Lichess

  1. Irgendwie brauche ich eine Gebrauchsanweisung, am besten mit Zeichnung, für die hochnotpeinliche Befragung der Litschi-Daddelbank. Bin dort notorischer Oftspieler, aber ich gucke ja auch Fernsehen, ohne das Ding nun gleich reparieren zu können. Aber irgendwann wird’s dort auch noch so was geben.

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