Das große Zocken vor dem großen Match

(Aktualisierung, 11. August: Agon-Chef Ilya Merenzon hat bekanntgegeben, dass Fabiano Caruana den WM-Vertrag jetzt unterzeichnet hat.)

(Aktualisierung, 16. August: Jetzt hat auch Magnus Carlsen unterschrieben.)

Stellen wir uns vor, fünf Monate vor Beginn der Fußball-WM hätte Oliver Bierhoff öffentlich gesagt, mit so einem Laden wie der FIFA könne man schlecht verlässlich zusammenarbeiten, und er habe Zweifel, ob die WM überhaupt stattfindet. Dann hätte sich der Manager des Weltmeisters geweigert, die Verträge zu unterschreiben, die die Teilnahme Deutschlands an der WM besiegeln.

Beim Schach ist genau das passiert. Aber was beim Fußball Riesenschlagzeilen ausgelöst hätte, wird am Rande der 64 Felder mehr oder weniger ignoriert. Zwar hat sich der Manager des Weltmeisters öffentlich beschwert, zwar unterschreibt der Weltmeister den Vertrag nicht, aber alle halten still und hoffen, dass das immer näher rückende Match zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana schon irgendwie zustandekommt.

Verträge für das Match weiterhin nicht unterschrieben: Carlsen und Caruana warten ab

Im deutsch- und englischsprachigen Raum hat nur eine, eher unbedeutende, Schach-Website darauf hingewiesen, dass das Match auf der Kippe steht, nachdem Carlsen höchstselbst und dessen Manager Espen Agdestein öffentlich die Organisation kritisiert und ebenso wie Herausforderer Fabiano Caruana die Unterschrift unter den Vertrag mit dem Ausrichter Agon verweigert hatten. Als die Frist, bis zum 6. Juli zu unterzeichnen, abgelaufen war, wurde sie bis zum 15. August verlängert. Nach Informationen des FIDE-Präsidentschaftskandidaten Nigel Short haben beide weiterhin nicht unterschrieben. Es deutet sich an, dass sie bis nach der FIDE-Präsidentschaftswahl Ende September warten wollen.

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So soll es für bis zu 400 Zuschauer des WM-Matches Carlsen-Caruana in „The College“ aussehen. (Grafik: World Chess)

Während der Weltmeister und sein Herausforderer stillhalten, ist der FIDE-Veranstalter Agon bemüht, Fakten zu schaffen und Einnahmen zu generieren, ohne die Zusage der beiden Hauptpersonen in der Tasche zu haben. Unlängst präsentierte der unter dem Namen „World Chess“ agierende Schachpromoter den Austragungsort des Matches, „The College“, ein stattlicher viktorianischer Bau in Holborn, ein Unterbezirk des Londoner Stadtteils Camden. Sogleich begann der Ticketverkauf sowohl für Zuschauer im College wie für solche am Bildschirm, die der „offiziellen“ Liveübertragung der Partien folgen wollen.

Ein dicker Fisch: Wettanbieter Unibet wird Partner der Schach-WM

Nachdem die frühe Suche nach einem offiziellen Auto-Sponsor wohl nicht zum Erfolg geführt hatte, präsentierte Agon nun ein Schwergewicht als offiziellen Partner der Schach-WM. Der Wettanbieter Unibet, einer der Großen der Sportwetten-Branche, der einen erheblichen Teil seines neunstelligen Jahresumsatzes in Skandinavien erzielt, wird bei der WM mit im Boot sein. Das passt zur Wettleidenschaft der Briten, und das passt Agon ins Konzept, das unter anderem wegen seiner latent ergebnisarmen Sponsorensuche in der Kritik steht, die bislang stets dazu führte, dass die Spieler mit dem Minimal-Preisfonds leben mussten.

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Wettanbieter Unibet setzt darauf, dass das Match stattfindet und hat schon Quoten festgelegt. Heißer Tipp: Wenn die WM-Prognosen der Weltklasse-Großmeister zutreffen, dann sollte bei dieser Quote eine Wette auf Caruana eine profitable Investition sein.

Wahrscheinlich ist es nicht das Zocken um ein höheres Preisgeld, das die Spieler zögern lässt. Wir können auch davon ausgehen, dass beide spielen wollen. Magnus Carlsen liebt den Wettkampf, und Fabiano Caruana steht vor dem Match seines Lebens. Es dürften die ungeklärten Rahmenbedingungen sein, die beiden eine Zusage erschweren, und die sind beim Welt-Schachverband FIDE und dessen ungeliebtem, mit Ex-Präsident Kirsan Iljumschinow eng verbundenem Organisator Agon zu suchen. Dessen Vertrag bis 2021 hat die FIDE 2017 laut einem Tweet von Nigel Short sogar bis 2026 verlängert.

Nicht an einen auf der Abschussliste stehenden Promoter binden

dworkowitsch

Sechs Wochen vor Beginn des Matches wird die FIDE ein neues Führungsteam bekommen, und das wird nicht ohne Effekt für den WM-Organisator Agon bleiben. Zwei von drei Kandidaten stehen dafür, die Zusammenarbeit mit Agon möglichst schnell zu beenden (siehe unsere bisherige Berichterstattung), und einer (Arkadij Dworkowitsch) hat angekündigt, die Firma und ihre Ergebnisse zumindest auf den Prüfstand zu stellen und genauestens durchleuchten zu wollen.

Ob sich das von Makropoulos-Vize Malcolm Pein und Nigel Short angekündigte Vorhaben, nach ihrer Wahl unmittelbar die Drähte zu Agon zu kappen, sechs Wochen vor Beginn einer Weltmeisterschaft verwirklichen ließe, das erscheint zumindest fraglich. Aber es dürfte auf Seiten der Spieler für genügend Verunsicherung sorgen, so dass sie sich vorerst nicht an einen potenziell auf der Abschussliste stehenden Schach-Promoter binden wollen.

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