Der Raumvorteil: Wer auf breiter Front marschieren will, muss die Außenstürmer abtauschen

Unser Faible für Siegbert Tarrasch ist Dir wahrscheinlich längst aufgefallen. Dem deutschen Schach-Lehrmeister verdanken wir Weisheiten, die bis heute bei jedem Schachturnier zu hören sind: „Türme gehören hinter die Freibauern“ etwa oder „Springer am Rande…“.

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Siegbert Tarrasch

Eben weil Tarrasch sich zum Schach-Lehrmeister berufen fühlte (und das zu Recht als Nummer zwei der Welt um die Jahrhundertwende), versuchte er stets, Schach-Wissen in derartige kleine Weisheiten zu verpacken. Gelegentlich ging das schief, da er im Sinne der Verdaulichkeit seiner Bonmots dazu neigte, Nebengeräusche und Zwischentöne zu überhören, um seinen Schülern stets ein möglichst klares und eindeutiges Urteil zu präsentieren. Heute können wir bei Lektüre seiner Partiekommentare feststellen, dass manche dieser Urteile leider falsch waren.

Das ändert aber nichts an dem Umstand, dass Schachschüler bis heute eine Menge vom guten, alten Doktor lernen können. Tarraschs „Das Schachspiel“ steht bei weitem nicht nur wegen seines historischen Wertes in unserer Bücherkiste (unten rechts), sondern weil es als Schach-Lehrbuch nach wie vor die meisten anderen übertrifft. Tarrasch schreibt (anders als sein Erzfeind Aaron Nimzowitsch) klar und pointiert, gelegentlich witzig, und er weiß, wovon er spricht.

Seine Lehren wirken immer noch. Wer heute in der Wikipedia unter „Schachstrategie“ nachschaut, der liest dort, dass „Kraft, Raum und Zeit“ die drei Grundelemente der Strategie sind.

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Bitte, was? Kraft?

Wir sagen stattdessen „Material“. Den Begriff „Kraft“ hat seinerzeit, natürlich, Siegbert Tarrasch geprägt, und das nicht ohne Hintergedanken. Der Wert einer Figur schwankt ja, abhängig von den Umständen. Ein eingesperrter Läufer ist nichts wert, ein Läufer, der auf die Rochadestellung des Gegners zielt, kann ein Monster sein.

Mit „Kraft“ wollte Tarrasch diesen dynamischen Wert des Materials veranschaulichen. Immerhin hat er es damit in die Wikipedia des Jahres 2018 geschafft, auch wenn sich seine Nomenklatur in Schachkreisen nicht durchsetzte. Außer der Wikipedia redet niemand beim Schach von „Kraft“.

Material, Raum und Zeit

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100 Jahre nach Erscheinen immer noch ein lesenswertes Lehrbuch: „Das Schachspiel“

Bei „Raum“ und „Zeit“ ist es geblieben. Diese beiden Säulen der Strategie haben in den vergangenen 150 Jahren manche Neubewertung und Feinjustierung erfahren. Das fing an in den späten 1850ern, als Paul Morphy Zeitverschwendung seiner Gegenspieler als solche identifizierte und so lehrreich ausnutzte, dass bis heute Schachschüler anhand von Morphy-Partien lernen, wie man eine Schachpartie beginnt und wie man es bestraft, wenn der Gegner gleich zu Beginn Zeit verschwendet.

Um die Jahrhundertwende beleuchtete dann mit Tarrasch erstmals jemand ausführlich das Konzept „Raum“, und so ging es weiter, über Mikhail Tals Opfer und Garry Kasparows Dynamik bis ins Jahr 2017.

Dass Raum und Zeit viel mehr Wert sein können und Material viel weniger, als wir bislang dachten, hat uns Ende 2017 eine künstliche Intelligenz gelehrt. Anders als seinerzeit Paul Morphy strebte die Google-Maschine AlphaZero gar nicht danach, den Gegner unmittelbar hinzurichten. Material gab sie trotzdem gerne, aber in erster Linie, um auf Basis von Raum und Zeit Dominanz herzustellen und dann per Strangulation nach und nach zu gewinnen.

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AlphaZero wird leider nie ein Schachbuch über Raum und Zeit schreiben, und so müssen wir uns an den nächstbesten Autor halten. Der heißt Boris Gelfand, einer der wenigen Weltklassespieler des 21. Jahrhunderts, die ihr Wissen aufschreiben (lassen). Als 2015 das großartige „Positional decision making in chess“ erschien, ging die rechts abgebildete Passage um die (Schach-)Welt.

Heureka!

Die Generationen nach Tarrasch hatten hinsichtlich des „Raums“ ja in erster Linie gelernt, dass die Seite mit Raumvorteil möglichst Material auf dem Brett halten will. Logisch: Wer auf limitiertem Raum operiert, dem fällt es schwer, seine Puppen zu koordinieren, und der strebt nach Abtäuschen, um sich das Leben zu erleichtern. Also versucht die Seite mit mehr Raum, den Gegenspieler in seinem Saft schmoren zu lassen, anstatt ihm Erleichterung zu verschaffen. So weit war das jedem halbwegs ambitionierten Schachspieler klar.

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Und nun kommt Boris Gelfand daher und tauscht trotz Raumvorteil bereitwillig seine Schwerfiguren. Wer diesen vermeintlichen Verstoß gegen ein grundlegendes Konzept erst einmal hat sacken lassen und die Idee dahinter zu ergründen versucht, dem geht bald ein Licht auf.

Raum erobern die Bauern. Marschieren sie auf breiter Front voran, dann sichern sie Raumvorteil. Aber wer über mehr Raum verfügt, der muss ihn auch beherrschen und sicherstellen, dass er sich keinen Konter einfängt. Eine breite, weit vorgerückte Bauernfront kann nämlich auch überdehnt sein und ihr Hinterland ungenügend geschützt.

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Dringt der Außenstürmer bis zur Grundreihe vor und flankt ins Zentrum, dann wird es gefährlich. Beim Fußball lässt sich das trainieren, beim Schach lassen sich die Außenstürmer vom Brett tauschen.

Die Schwerfiguren, Dame und Turm, sind die idealen Kandidaten, um ins Hinterland einer überdehnten Bauernfront einzudringen und dort ordentlich aufzuräumen. Passiert dem Spieler mit Raumvorteil so ein Einbruch, dann ist das ähnlich wie beim Fußball, wenn der Außenstürmer hinter die Abwehr bis zur Grundreihe vordringt. Flankt er von dort ins Zentrum, brennt es sofort lichterloh.  Wenn Boris Gelfand vormarschiert, dann nimmt er gezielt die gegnerischen Außenstürmer vom Brett, um sich eben keinen solchen Konter einzufangen.

Und das gilt nicht nur für Boris Gelfand. Was uns Normalschachspielern bis dahin niemand in dieser Klarheit erklärt hatte, gehörte für den russischen Großmeister Alexander Beljawski, auch ein einstiger Weltklassespieler, schon 2009 zum kleinen Einmaleins und womöglich schon früher. Das ist uns neulich bei der Lektüre eines anderen Buches aus dem Jahr 2015 aufgefallen.

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„Chess structures – a grandmaster guide“ von Großmeister Mauricio Flores Rios beleuchtet anhand von instruktiven Beispielen die typischen Pläne für beide Seiten in typischen Strukturen.

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raum1.jpgIn dieser Struktur zum Beispiel, wie sie vor allem aus der Königsindischen Verteidigung häufig entsteht, und wie sie uns aus dem Gelfand-Beispiel von oben bekannt vorkommt: Während oft beide Seiten um die c-Linie kämpfen, wird tendenziell der Weiße sich eher am Damenflügel ausbreiten, der Schwarze am Königsflügel, gestützt auf seinen Hebel …f5.

Hat sich der Schwarze aber wie der Partie Beljawski-Carlhammar (siehe rechts) den Hebel …f5 verbaut, dann mag sich das Szenario ergeben, dass Weiß auf breiter Front vorgehen will – auch am Königsflügel. Und weil, wie wir jetzt wissen, in solchem Fall Konter drohen, entschied sich Beljawski für 24.Lf1, um die gegnerischen Außenstürmer vom Brett zu nehmen, bevor er auf beiden Flügeln losmarschiert.

Für die meisten Leute mag das nach einer überraschenden Entscheidung aussehen, auch für Flores Rios (der Gelfands Buch beim Schreiben seines Werkes noch nicht gelesen haben konnte), aber für Beljawski fühlte es sich wahrscheinlich ganz natürlich an. Und er schob das entstehende Endspiel dank seines Raumvorteils sicher nach Hause.

Tarrasch hätte angesichts dieser Beispiele erst gestaunt, dann analysiert und letztlich seine Ausführungen zum „Raumvorteil“ um eine entscheidende Passage erweitert: Außenstürmer abtauschen!

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3 Kommentare zu „Der Raumvorteil: Wer auf breiter Front marschieren will, muss die Außenstürmer abtauschen

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