Vincent Keymer und das kleine Grünfeld-Einmaleins

Das Flagschiff der deutschen Delegation bei der Jugend-Mannschafts-Europameisterschaft U 12 und U 18 geriet gleich zu Beginn in schwere See. Als nomineller Favorit war der Deutschland-Vierer um Roven Vogel und Vincent Keymer in der U-18-Konkurrenz ins Rennen gegangen. Aber nur weil in den ersten Runden Roven Vogel am Spitzenbrett seine schwächelnden Jungs durchs Turnier zog, kamen die Deutschen in die Nähe der Goldmedaille, sicherten sich sogar ein vorgezogenes Endspiel gegen Rumänien.

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Verhaltener Start, am Schluss drei Siege in Serie: Vincent Keymer am zweiten Brett der deutschen U18. (Foto: Klaus Steffan/Turnierseite)

Als gegen Ende des Turniers mit Gold in Reichweite Vogels Matrosen in Fahrt kamen, hatte ihr Kapitän seine Munition verschossen. Die 1,5:2,5-Niederlage im entscheidenden Duell in der sechsten Runde sicherte den Rumänen den Spitzenplatz, da half auch ein blitzsauberer Sieg Vincent Keymers nicht (siehe kommentierte Partie unten). Die Deutschen beendeten das Turnier mit einem 2:2 gegen Österreich (Silber mit dem deutschen Großmeister Rainer Buhmann als Coach) und kamen als Dritter immerhin auch aufs Treppchen.

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U-12-Europameisterinnen: Luisa Bashylina (links) und Svenja Butenandt. (Foto: Klaus Steffan)

Es muss ja nicht immer das Flagschiff die Etappensiege einfahren. In der U12-Mädchen-Konkurrenz zog das deutsche Duo Luisa Bashylina (Elo 1.836) und Svenja Butenandt (Elo 1.751) einsam seine Kreise. In der letzten Runde hätten sich die beiden sogar eine Niederlage erlauben können und wären trotzdem Europameister geworden. Besonders bemerkenswert die Performance von Svenja Butenandt am zweiten Brett: 9,5 Punkte aus 10 Partien.

Europameister! Herzlichen Glückwunsch!

Vincent Keymer (13) am zweiten Brett der U 18 beendete das Turnier nach durchwachsenem Start mit drei Siegen, darunter dieser scheinbar mühelose Vortrag in der sechsten Runde beim Wettkampf gegen die Rumänen, die sich dank ihres Erfolgs über Deutschland schon eine Runde vor Schluss den Europameistertitel gesichert hatten.

Vincent Keymer (2.466) – Alexandru-Bogdan Banzea (2.337)
U18-Mannschafts-EM Bad Blankenburg, Grünfeld-Indisch

1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. g3 Bg7 4. Bg2

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Wer als Normalsterblicher Grünfeld-Indisch spielen will, der sollte sich an eine einfache Grundregel halten: Schwarz zieht erst …d5, wenn auf c3 ein weißer Springer steht. Nur dann kann er nach cxd5 Sxd5 e4 Sxc3 bxc3 c5 sein typisches Spiel gegen das weiße Zentrum entfalten. Ohne einen Springer auf c3 kann sich Weiß per e4 mit Tempogewinn ein stabiles Bauernzentrum basteln.

4…d5

Hm. Kennt der Schwarze denn nicht das kleine Grünfeld-Einmaleins?

5. cxd5 Nxd5 6. e4

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6… Nb4

Allemal kennt er eine interessante Nebenvariante, die den „Perlen vom Bodensee“ bislang nicht geläufig war. Der scheinbar ins Abseits geratene Sb4 soll mittelfristig auf d4 eingepflanzt werden, und tatsächlich gibt es für Weiß keinen Weg, das zu verhindern. Natürlich ändert das nichts an dem Umstand, dass Weiß das Zentrum beherrscht, während Schwarz Unmengen an Zeit investiert, um sein Pferd quer übers Brett zu hetzen, aber was folgt, das zeigt, dass Schwarz so spielen kann. Gänzlich vollwertig ist 6…Sb4 wahrscheinlich nicht, aber zumindest eine interessante Idee, die man kennen sollte, um sie gelegentlich in einer einzelnen Partie anzuwenden.

(6… Nb6 gefolgt von baldigem Anknabbern des weißen Zentrums per …c5 d5 …e6 ist geläufig und spielbar, wenngleich nicht vollwertig. In Schnell- und Blitzpartien spielt die 2.700+-Garde gelegentlich so.)

7. a3

(7. d5 wäre der Versuch, dem Sb4 das Feld c6 zu nehmen, bevor Weiß a3 spielt. Aber Schwarz kann sich mit taktischen Mitteln eine Konstellation schaffen, in der der Springer eben doch über c6 nach d4 gelangt. 7…c6 8. a3 Qa5 9. Nc3 cxd5 10. Bf4 (10. exd5?! Bf5) 10… N4c6 11. exd5 Nd4 sollte gleichwohl etwas angenehmer und perspektivreicher für Weiß sein, ist aber allemal spielbar für Schwarz.)

7… N4c6 8. d5 Nd4 9. Nc3 O-O 10. Be3 c5 11. Nge2

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11… Bg4?

Eine interessante Nebenvariante auszugraben, ist das eine, die entstehenden Stellungen zu verstehen, das andere. Auf g4 wie generell auf der Diagonalen h3-d7 hat der Läufer nichts verloren. Schwarz verpflichtet sich zur Partieabwicklung, die ihm nichts als Probleme bringt, oder er hilft dem Weißen bei seiner Expansion am Königsflügel, wenn er nach späterem f3 oder h3 den Läufer reumütig zurückziehen muss. Das „?“ statt „?!“ verleihen wir für die mit 11…Lg4 verbundene Abwicklung, die Schwarz schon an den Rand einer Niederlage führt.

(11… e5 war Pflicht, und mit dem auf d4 einbetonierten Springer ist die schwarze Stellung spielbar. Später wird Schwarz meistens per …b6 und …La6 seinen Lc8 ins Spiel bringen.)

12. O-O

Jetzt droht 13.f3.

12… Nxe2+

(12… e5 ging immer noch, aber jetzt ist wegen 11…Lg4 die Konstellation ungünstiger als im Zug zuvor. Die potenziellen Möglichkeiten …Lf3 oder …Sf3+ würden nur Weiß helfen, darum ist an dieser Stelle 13.f3 nur eine Möglichkeit von vielen für Weiß. Generell stehen dem Weißen mit b4 und f4 zwei aussichtsreiche Hebel zur Verfügung. Schwarz hat außer einem auf d4 eingepflanzten Gaul nicht viel.)

13. Nxe2 Bxb2

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Wenn das die Idee von 11…Lg4? war, dann war es keine gute.

14. Rb1 Bxa3

So ist wenigstens c5 gedeckt, aber die schwarzen Felder rund um den Monarchen auf g8 sind es nicht mehr.

(14… Bg7 ist objektiv besser, aber das Eingeständnis, dass die Angelegenheit schiefgelaufen ist. Weiß bedient sich unmittelbar auf b7, Schwarz kann seinen c5-Bauern mittelfristig kaum halten und steht dann ohne Entwicklung, ohne Zentrum und womöglich noch mit einem Minusbauern da.)

15. Rxb7 Qc8 16. Rxe7 Qa6 17. Qa1!

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Die sauberste Lösung. Jetzt rächen sich die schwarzfeldrigen Schwächen rund um den Kg8. Weiß kann den Se2 einstehen lassen, weil Lh6 droht.

17… Bb4

(17… Qxe2 18. Qxa3 ist schrecklich für Schwarz.)
(17… Bxe2 18. Bh6 verliert sofort, zum Beispiel 18…f6 19. Bxf8 Kxf8 20. Re6 und aus.)

18. Nf4 Qxa1 19. Rxa1

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Schwarz hat sich in ein trauriges Endspiel gerettet, aber trotz reduziertem Material spinnt der Weiße weiter ein Mattnetz um den schwarzen König.

19… a5 20. e5 a4 21. d6 Ra5 22. Nd5 Be6 23. Bh6 Rd8 24. Nf6+ Kh8 25. Bh3!

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Auf h7 soll es Matt werden, und dafür muss der f7-Bauern verschwinden.

25… Nc6 26. Bxe6

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und aufgegeben.

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Ein Kommentar zu „Vincent Keymer und das kleine Grünfeld-Einmaleins

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