Schach: Turbolader fürs Gehirn oder Zeitverschwendung?

Lang ist die Liste der guten Gründe, das Kind zum Schach zu schicken. Müssen wir erwähnen, dass es dem Gehirn gut tut, gefordert zu werden? Schlaue Leute spielen Schach, und deswegen leben sie länger und gesünder.

Beim Schach lernst Du, Probleme zu lösen, Dich zu konzentrieren, mit Sieg und Niederlage umzugehen, erwirbst soziale Kompetenz und merkst, dass Hautfarbe, Geschlecht, Alter, sozialer Status keinen Einfluss darauf haben, wie versiert oder stümperhaft jemand seine Armee über das Schlachtfeld aus 64 Feldern dirigiert.

Fast 30.000 Mitglieder zählt die Deutsche Schachjugend, ein Indiz, dass zahlreiche Eltern diesen und den vielen anderen Argumenten fürs Kinderschach zustimmen. Und sie werden ja auch befeuert in ihrer Annahme, weil jede Schachorganisation, jede Schachschule, jede Schachwebsite im Wochentakt eine wieder neue Studie zitiert, die die segensreiche Wirkung des Schachs einmal mehr belegt.

Schachjugend Dortmund (Foto J. Beckers)
So sieht Wettkampf aus. (Foto: Schachjugend Dortmund/J. Beckers)

Für sieben von zehn Kindern bringt Schach – gar nichts

Wir haben auch eine Studie angefertigt, lokal begrenzt und nicht repräsentativ zwar, aber mit alarmierenden Ergebnissen. Sieben von zehn Kindern gehen ein Mal pro Woche zum Schach, daddeln für ein Stündchen orientierungs- und ziellos herum, dann gehen sie wieder nach Hause und haben sechs Tage und 23 Stunden Schachpause. Dieses Phänomen tritt in Schulen mit Schachunterricht wie in Schachvereinen auf.

Schach in der Schule, Schach im Kindergarten, Jugendschach im Verein erfreuen sich einer wachsenden Lobby. Und es schadet ja auch nicht. Wir sind allerdings der (für eine Schachseite) subversiven Auffassung, dass es für sieben von zehn Kindern mindestens ebenso segensreich, wahrscheinlich besser wäre, die Stunde des orientierungslosen Schachdaddelns anders zu verbringen.

Die Verantwortung von Eltern und Betreuern

Gäbe es eine Lobby für das Konstruieren von Robotern aus Legosteinen oder den Bau von Baumhäusern, sie könnten dieselben Argumente wie die Schachlobby vorlegen, und das zu Recht.

keymer
Beim Schach schnell besser zu werden, fällt Kindern leicht, Liebe zum Spiel und Ehrgeiz vorausgesetzt. Um so gut zu werden wie Vincent Keymer, bedarf es außerdem einer gehörigen Portion Talent.

Drei von zehn Kindern lieben das Spiel, und sie sind erfüllt vom Ehrgeiz, darin besser zu werden als andere. Diesen dreien dient Schach in der Tat als konkurrenzlos guter Turbolader für die grauen Zellen. Bei den anderen sieben liegt es in der Verantwortung ihrer Erzeuger und Betreuer, Liebe und Ehrgeiz zu wecken – und über Alternativen nachzudenken, wenn der Weckruf verhallt.

Wer Freude daran hat, den Schachdschungel zu erforschen, gerne gewinnt und Niederlagen als Ansporn und Lehre versteht, der wird beim Schach Fähigkeiten erwerben, die im Leben helfen. Wer nach einem Jahr zwei Jahren in der Schach-AG oder im Club immer noch Anfänger ist, für dessen Gehirn bringt Schach – gar nichts. Vielleicht besser Baumhäuser bauen? Ohne Liebe und Ehrgeiz geht es nicht, und die lassen sich oft wecken, aber nicht erzwingen.

Zwei Fähigkeiten, die das Schach schult, werden gerne übersehen, obwohl sie als gewichtige Argumente für „Schach als Schule für das Leben“ nicht genug betont werden können.

  • Schach lehrt, unter Zeitdruck Alternativen abzuwägen und Entscheidungen zu treffen.
  • Schach lehrt, dass Entscheidungen Konsequenzen haben, mit denen wir leben müssen.

Wer in verantwortungsvoller Position einen Beruf ausübt oder, noch verantwortungsvoller, eine Familie managt, der wird zustimmen, dass diese Lehre fürs Leben elementar wichtig ist. Beim Schach haben wir dafür ein geflügeltes Wort: „Berührt, geführt.“

Wer eine Puppe anfasst, der muss sie ziehen und kann es sich nicht mehr anders überlegen. Also besser gut nachdenken vor der Entscheidung. Und die Bedenkzeit verantwortungsvoll einteilen, damit für die kritischen Entscheidungen genug Zeit bleibt.

Neulich fielen wir aus allen Wolken, als wir eine Lichess-Partie eines unserer Talente anschauten. Neben dem Brett sahen wir dieses:

rücknahme.png

Oje.

Berührt, geführt! Der Junge spielt ja schon etwas länger, liebt Schach und ist sogar ein kleines bisschen ehrgeizig. Deshalb waren wir gar nicht darauf gekommen, dass Zugrücknahmen in seinen Partien eine Option sein könnten.

Schach online um Ratingpunkte ist Wettkampf, und im Wettkampf nehmen wir unsere Züge nicht zurück. Dann müssen wir auch kein schlechtes Gewissen haben, die Bitte unseres Gegners abzulehnen, wenn der einen Zug zurücknehmen will. Hätte er halt vorher besser nachdenken sollen.

Zugrücknahmen werden weder verlangt noch gewährt, einfache Regel.

Damit wir gar nicht erst in Versuchung geraten, bietet Lichess eine Funktion, die das Zurücknehmen von Zügen gar nicht erst möglich macht:

brührtgeführt.png

Wer Schach liebt und gut darin werden will, der klickt bitte auf das rot umkringelte „Nie“.

Alle anderen daddeln nur.

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2 Kommentare zu „Schach: Turbolader fürs Gehirn oder Zeitverschwendung?

  1. Ok, man könnte auch argumentieren, dass sie in der einen Stunde wenigstens keinen anderen Unsinn anstellen.

    Ein ganz anderer Punkt, der für Schach (bei den dreien) spricht, kommt mir irgendwie in solchen Diskussionen zu kurz. Mir hat Schach für die Uni unheimlich geholfen, weil ich mich viel mit Varianten, Endspielen, Theorie … auseinandergesetzt habe, verglichen und verworfen habe etc. Ich hatte irgendwie einen ziemlich guten Zugang zum wissenschaftlichen Arbeiten dadurch und war in der Lage, Autoritäten auch mal zu kritisieren (was meine Studis sich regelmäßig nicht trauen)…

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  2. Kann diese nichtrepräsentative Studie in Teilen anhand meiner Erfahrungen in Schulschach AGs bestätigen, allerdings:

    1) Viele Kinder kennen heute so gut wie kein klassisches Brettspiel mehr, der Verdacht liegt nahe, dass die Ursachen bei den Eltern zu suchen sind. In einer Schach AG (und wenn man auch nur vereinfachte Formen wie »Bauernschach« übt) findet der/die ein oder andere Gefallen an Spielen abseits von xbox, Fortnite & Co.

    2) In den Schulen, in denen ich Schach AGs betreue, gibt es relativ umfangreiche Alternativen. Und Kinder können in den ersten Wochen die AGs problemlos wechseln, was einige auch machen (in beide Richtungen, vom Schach weg oder zum Schach).

    Wo PvB mit Sicherheit recht hat: der Ausbau von nichtschachlichen Fähigkeiten oder Eigenschaften durch das Schach bzw. Schach AGs und Vereine wird auch meiner Meinung nach gnadenlos überschätzt.

    Gefällt 1 Person

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