Igel-Grundlagen und andere Schachvideos

Das Schachvideo-Angebot auf Youtube und Twitch ist ja kaum noch zu überschauen. Und es sind bei weitem nicht nur Hobbyspieler, die sich berufen fühlen, die Welt mit ihren Abenteuern auf dem Schachbrett zu beglücken. Gelegentlich lässt uns der Weltmeister in sein Wohnzimmer schauen, wenn bei ihm abends Bier, Bullet und Gangster-Rap auf dem Programm steht. Oder der WM-Herausforderer, wenn er am ersten Dienstag des Monats den „Titled Tuesday“ spielt. Oder, oder, oder…

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John Bartholomew demonstriert das typische Igel-Konterschach. Eben noch stand Schwarz scheinbar beengt, plötzlich steht der weiße König unter Feuer.

„Liste doch mal die besten Schachkanäle auf“, ein Vorschlag, den wir schon mehrfach gehört haben. Mach wir aber nicht, und das aus zwei Gründen:

  1. Wir sind ja ein in erster Linie deutschsprachiges Blog, und als solches müssten wir den deutschen Youtube-Schächern mit einer Bestenliste wehtun. Nach unserer Auffassung kommt kein deutscher Kanal den besten englischsprachigen nahe (darum starten wir demnächst womöglich selbst einen). Unsere Top 5 oder Top 10 wären englisch, amerikanisch in erster Linie.
  2.  Geschmäcker sind verschieden, Ansprüche auch. Der eine möchte Grundlagen sehen, der andere Bullet-Zockerei und der nächste instruktiv analysierte Meisterpartien. Des einen Lieblingskanal mag beim anderen durchs Raster fallen und umgekehrt. „Den besten“ Kanal gibt es nicht.

Wer ernsthaft besser werden will, dem empfehlen wir ohnehin in erster Linie ein Buch, ein Brett und die Arbeit mit einem Schachprogramm oder gar einer -datenbank. Was sich der Mensch aktiv erschließt, das bleibt eher hängen, als wenn er sich mit Gehirn im Leerlauf berieseln lässt.

Einige Schachbücher haben Bibel-Status erlangt, weil sie ein Thema umfassend und abschließend behandeln. Eine Bibel als Video wird es nie geben – aber vielleicht die eine oder andere Offenbarung.

Die Igel-Bibel – jetzt auch als Video?

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Der Igel-Aufbau ist Lesern dieser Seite nicht unbekannt, er stand unlängst im Beitrag „Alles schon dagewesen“ kurz zur Debatte. Von anderen Eröffnungen unterscheidet er sich darin, dass der Igel in erster Linie einen Aufbau repräsentiert, der aus zahlreichen Eröffnungen entstehen kann – und der nicht nur Schwarzspielern zur Verfügung steht. Auch ein „Igel im Anzug“ ist möglich.

Natürlich hat auch der Igel seine Bibel, eine zweibändige sogar. „The complete hedgehog“ vom russischen Großmeister Sergei Shipov ist DAS Standardwerk, das Pläne für beide Seiten ausführlich beleuchtet. Und anders als bei anderen Eröffnungsbüchern ist es in diesem Fall nicht schlimm, dass das Buch aus dem Jahre 2009 stammt. Der Igel ist ja getragen von Ideen im Zusammenhang mit Strukturen, nicht von konkreten Zugfolgen, die veralten könnten, sobald irgendjemand eine Verstärkung findet.

Bevor jemand zwei derartige Wälzer durchackert, möchte er sich vielleicht mit Grundlagen vertraut machen. Für ein solches Ansinnen taugen Youtube-Videos gelegentlich, im Fall des Igels sogar mehr als das.

IM John Bartholomew hat unlängst ein Video über die wichtigsten Ideen des Schwarzen im Igel veröffentlicht. IM Andras Toth fühlte sich daraufhin berufen, ein historisches Igel-Video aufzunehmen, das zeigt, wie es den Weißen vor 50 Jahren erging, als sie den Igel noch nicht ernstnahmen. GM Alex Yermolinsky schließlich zeigt einen modernen Ansatz, wie Weißspieler den Stacheln des Igels ausweichen können.

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Der Igel fährt seine Stacheln aus: Andras Toth zeigt die typischen Gegenschläge …d5 und …b5.

Wer diese drei Videos anschaut, der hat noch kein Buch gelesen, schon gar keine Bibel, aber sich immerhin ein Fundament geschaffen, um den Igel auszuprobieren oder wirksam zu bekämpfen:

Huch, haben wir Euch jetzt doch unsere Top 3 Schach-Youtuber untergejubelt?

Nicht ganz. Andras Toth würde es vielleicht in unsere persönliche Top 10 schaffen, in die Top 5 eher nicht. John Bartholomew zählt zu den bekanntesten und beliebtesten Schach-Youtubern, hat seinen Video-Ausstoß zuletzt arg zurückgefahren, aber produziert gelegentlich immer noch Sehenswertes (siehe oben). Schach-Einsteiger schwärmen von seiner „Fundamentals“-Serie.

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Eine Idee, wie Weiß dem Igel seine Stacheln ziehen kann, demonstriert von Alex Yermolinsky.

Yermolinskys wöchentliche Show „Every Russian schoolboys knows…“ ist bei den Perlen vom Bodensee tatsächlich Pflichtprogramm, zumindest seine Partieanalysen. „Onkel Yermos“ ausführlichen und meinungsstarken Einlassungen zum Schachgeschehen in der Welt spulen wir meistens vor, um sofort seine Analysen und Erklärungen zu sehen. Die macht niemand besser, kenntnisreicher, instruktiver als der in St. Petersburg geborene Großmeister.

Keine leichte Kost, keine Bibel, oft eine Offenbarung.

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