Ramadans Bauernopfer: Wer nach oben will, muss solide sein

Die beiden originellsten Spieler aus den Top 100 zu benennen, ist einfach. Der Georgier Baadur Jobava und der Ungar Richard Rapport unterscheiden sich von anderen Top-Großmeistern, weil sie anders spielen. Frei von Schablonen wandeln sie lustvoll auf möglichst unerforschtem Terrain, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen.

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Diese krude Stellung zum Beispiel, wie sie häufig nach 1.b3 e5 entsteht, haben wir unlängst im Beitrag „Alles schon dagewesen!“ betrachtet und festgestellt, dass sie regelmäßig unter 2.700-Großmeistern debattiert wird – allen voran von den Herren Jobava und Rapport, die hier nur zu gerne die weiße Perspektive einnehmen.

Wenn wir uns eine Spielstärke-Etage über diesen beiden umsehen, in den Top 10, dann finden wir dort niemanden, der ähnlich gestrickt ist. Einige Herren im Schach-Obergeschoss mögen sich Jobava und Rapport zwar seelenverwandt fühlen, haben sich die Originalität aber abtrainiert, um auf höchsten Level mithalten zu können.

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Hikaru Nakamura (Illustrationen: Willum Morsch / @WillumTM)

Hikaru Nakamura zum Beispiel verbrachte seine jungen Jahre als Schach-Cowboy beim Bulletspiel online, den Finger stets am Abzug. Seine alte Liebe 1.e4 e5 2.Dh5?! hat er in den frühen 2000ern ins ernsthafte Turnierschach zu übertragen versucht, aber das haben ihm seine großmeisterlichen Gegenüber auf der anderen Seite des Brettes schnell abgewöhnt. Im Blitz flammt seine Abenteuerlust gelegentlich heute noch auf, aber im Zirkel der 2.800-Spieler gilt Nakamura vor allem als exzellenter Verteidiger mit solidem Eröffnungsrepertoire.

Oder nehmen wir Ding Liren. Als wir neulich auseinanderklamüsert haben, wie sich beim Kandidatenturnier Alexander Grischuk auf den chinesischen Newcomer vorbereitet hatte, stand dessen komplett umgebautes Eröffnungsrepertoire zur Debatte. Ding Liren, bis 2016 stets auf der Suche nach Zweischneidigem, sah sich ebenfalls gezwungen, auf „solide“ umzustellen, um den Sprung nach ganz oben zu schaffen.

Parallel dazu bewies Shakh Mamedyarov, dass auch (vergleichsweise) alte Leute durchaus auf neuen Pfaden wandeln können. 2015 sah es noch so aus, wenn Mamedyarov Schach spielte:

Shakhriyar Mamedyarov – Denis Khismatullin, Katar 2015, Damenindisch

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Die normal-konservative Zugfolge in dieser schon wilden Stellung wäre 10.Lg5 f6 11.Lh4 um erst einmal den f2-Bauern zu decken. (10…Lxf2+?! könnte Weiß mit 11.Dxf2! kontern).

Mamedyarov scherte sich weder um den f2-Bauern noch um sein Rochaderecht. Er hatte stattdessen 10.b4?!! vorbereitet. Nach 10…Lxf2+ 11.Ke2 Lh4 12.h3 (Diagramm unten) muss Schwarz 12…Sf6! finden (mit der Idee 13.Sxh4 Sh5 und Schwarz steht dank des Angriffs auf h4 und der Gabeldrohung auf g3 besser).

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Weiß hatte darauf spekuliert, dass seinem Gegner diese Möglichkeit entgeht. Und tatsächlich geschah 12…Sh6?! 13.g4, und der weiße Raumvorteil auf der gesamten Breite des Brettes führte dazu, dass Mamedyarov seinen Gegner auch mit einen König auf e2 einschnüren konnte. Weiß hat prächtige Kompensation für den Minusbauern.

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Shakh Mamedyarov

Derartiges Hoffnungsschach auf höchstem Niveau spielt Mamedyarov seit 2016 nicht mehr, und prompt setzte er zu einem Elo-Höhenflug an, der zwischenzeitlich Magnus Carlsen den Schweiß auf die Stirn trieb. Ins Kandidatenturnier 2018 ging Mamedyarov als einer der Favoriten, spielte auch oben mit, aber setzte sich im Feld der Edelschächer letztlich nicht durch.

Wer Abseitiges mit Substanz oder Originelles sehen will, der muss sich unterhalb der Top Ten umschauen. Neben Jobava und Rapport wäre auch Mamedyarovs Gegner aus obiger Partie zu nennen. Großmeister Denis Khismatullin bewegt sich meist um Elo 2.650 (in Russland einer von vielen), und das trotz (oder wegen?) einer ausgeprägten Vorliebe für experimentelles Eröffnungsspiel.

Würden wir das Jahr 1978 statt 2018 schreiben, zweifellos käme in unserer Liste der originellsten Großmeister der Spanier Juan Manuel Bellon Lopez vor. In die Top 100 der Welt hat es der 1950 geborene Bellon es zwar nie geschafft, aber mit seinem risikofreudigen Spiel doch Spuren hinterlassen. Gleich zwei Eröffnungen sind nach ihm benannt, beides spekulative Gambits natürlich.

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Bellon-Gambit gegen Holländisch

Es bedarf Risikofreude und Originalität, die holländische Verteidigung mit 3.e4 anzugehen. Beides besitzt Bellon Lopez im Übermaß. Obwohl er (laut Megabase) nie 3.e4 in Turnierpartien gespielt hat, ist das Gambit nach ihm benannt. Besonders gut ist es, objektiv betrachtet, allerdings nicht.

Das andere Bellon-Gambit erlebte Ende der 70er-/Anfang der 80er-Jahre einen bemerkenswerten Höhenflug. Eine Zeit lang sah es danach aus, als würde Bellons Erfindung Freunde der Englischen Eröffnung vor arge Probleme stellen.

Antwort 91

3…e4 4.Sg5 ist, wie wir schon im Beitrag mit Frage 91 festgestellt haben, der Auftakt zu einem interessanten Bauernopfer.

Harald Wiedemann – Ramadan Deliu, Überlingen, Juni 2018

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„Ein anderes Opfer als 4…e3 fällt mir nicht ein, und ich sehe nicht, was das bringen soll“, war die Reaktion der meisten Leser. In der Tat bringt 4…e3 – nichts. Weiß nimmt den Bauern weg, egal wie, und dann hat er einen Bauern mehr, sonst ist nichts los.

Schauen wir uns an, was Bellon Lopez in dieser Stellung eingefallen ist:

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Bellon-Gambit gegen Englisch

4…b5! hat Bellon Lopez (in Anlehnung an das Flügelgambit gegen Sizilianisch) erfunden, und in diesem Fall hat seine Idee einigen Biss. Um den Preis eines Bauern möchte der Schwarze das Zentrum kontrollieren (…d5) und sich zudem an mindestens einem im Abseits herumstehenden weißen Springer erfreuen. Tatsächlich hat Schwarz volle Kompensation, wenn sich Weiß auf b5 bedient, egal ob der 5.Sxb5 oder 5.cxb5.

Es dauerte einige Jahre, das Bellon-Gambit feierte einige Siege, aber dann stellte sich heraus, dass Weiß Vorteil bekommt, wenn er das Opfer mittels 5.d3 ablehnt. Vor allem nach der natürlichen Rekation 5…bxc4?! (zum Zentrum hin schlagen) 6.dxe4 bekommt Schwarz schnell Probleme.

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6…h6? scheitert an 7.Sxf7! Kxf7 8.e5. Der Sf6 hängt, und wenn er zieht, folgt Dd5+ mit Turmgewinn auf a8. Weil solche Motive dauerhaft in der Luft liegen, ist dieses Abspiel für Schwarz schlicht schlecht.

Schwarz kann aber 5…exd3 6.cxb5 h6 7.Sf3 dxe2 8.Lxe2 d5 versuchen.

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Weiß hat auch hier unbestritten überschaubaren, aber vorerst stabilen Vorteil. Er ist besser entwickelt und wird auf der d- und c-Linie einigen Druck entfalten. Aber Schwarz spielt noch mit, und es steht eine Schachpartie bevor, die erst einmal ausgekämpft werden muss.

Wer dieses 40 Jahre alte Gambit aus der Mottenkiste kramen und spielen will, der wird in erster Linie hoffen müssen, dass der Weiße nicht 5.d3 findet oder kennt. Aber für den Fall, dass doch 5.d3 auf dem Brett steht, wäre 5…exd3 ein Notfallplan.

Wir empfehlen das Bellon-Gambit gegen Englisch ausdrücklich nicht, stellen aber fest, dass Shakh Mamedyarov es mit genau solchen Risiko-Eröffnungen immerhin bis 2.750 Elo gebracht hat.

Wer dann noch den Sprung auf 2.800 schaffen will, der muss früher oder später auf solide umstellen. Viel Erfolg!

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2 Kommentare zu „Ramadans Bauernopfer: Wer nach oben will, muss solide sein

  1. Boom
    Und wieder merke ich wie 1 dimensional meine Schachkenntnisse noch immer sind!!!
    Wenn ich das nicht wie hier wunderbar erklärt bekäme, müsste ich Jahre alleine in diese Stellungen investieren!!!
    Danke für deine/ eure großartige Arbeit 👍👍👍

    Gefällt 1 Person

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