Unser Gegner sieht immer alles: kein Hoffnungsschach spielen!

Die US-amerikanische Schachschule (ja, die gibt es, und sie hat sogar zeitlose Klassiker hervorgebracht) hat den Begriff „hope chess“ geprägt. Der Begriff lässt sich trefflich wörtlich übersetzen, aber das hat bislang niemand getan. Also machen wir das.

Im Prinzip schadet Hoffnung beim Schach nicht. Wir können hoffen, dass der Gegner übersieht, was wir eingestellt haben. Oder dass unsere DWZ bald vierstellig wird. Dass unsere Mannschaft aufsteigt oder unser Trainer die Landesmeisterschaft gewinnt. Voranbringen wird uns (und unsere DWZ) derlei Hoffnung allerdings nicht.

Eine Drohung um der Drohung willen ist kontraproduktiv

In einem Fall ist Hoffnung gar schädlich, nämlich dann, wenn wir „Hoffnungsschach“ spielen, wenn wir also Züge machen, die zwar unsere Stellung nicht verbessern (sie verschlechtern womöglich), aber eine Drohung aufstellen. Der Gegner könnte sie ja übersehen. Und genau darauf hofft derjenige, der Hoffnungsschach spielt.

Drohungen aufzustellen, ist legitim. Das Konzept der Initiative fußt sogar darauf. Wir drohen etwas, der Gegner muss reagieren, dann drohen wir noch etwas, er muss wieder reagieren, und im Verlauf dieser Kette zwingen wir ihn zu Zugeständnissen. Wer die Initiative hat, der muss sogar Drohungen aufstellen, sonst versandet sie.

Manchmal helfen unsere Drohungen dem Gegner sogar

Eine Drohung in Verbindung mit einem guten Zug, der unsere Stellung verbessert und/oder in unseren Plan passt, ist sinnvoll – der erste Schritt zur Initiative. Aber eine Drohung um der Drohung willen bringt nichts. Sie ist fast immer kontraproduktiv, weil wir die Chance sausen lassen, konstruktive Züge zu machen, die uns weiterbringen. Manchmal helfen unsere Drohungen sogar dem Gegner, der seine Stellung verstärkt, indem er die Drohung abwehrt (siehe beide Beispiele unten).

Egal, wer auf der anderen Seite des Brettes sitzt:
Wir rechnen stets mit dem besten Zug.

Wer nur darauf spekuliert, dass der Gegner etwas übersieht, der spielt „Hoffnungsschach“. Und das ist kein Rezept für Erfolg.

Als Blog eines sportlich latent erfolglosen Vereins können wir leicht Anschauungsbeispiele für Hoffnungsschach aus unserer Praxis präsentieren. Eines kennst Du sogar schon, aber wir haben es während unserer „Wohin mit welchem Turm“-Phase seinerzeit anderweitig verwendet.

Jetzt befindet sich dieses Blog in der Anfängerphase, und da kramen wir es wieder hervor, um Konstantinos beim Hoffnungsschach zu zeigen.

Robin Schönegg – Konstantinos Mastrokostopoulos, Pfullendorf 2018

hoffnung1.jpg

Da zieht er doch allen ernstes seinen auf e8 zentral und auf einer offenen Linie platzierten Turm zurück in die Ecke, nur weil der Gegner ja die Drohung …La6 übersehen könnte.

hoffnung2.jpg

„Dankeschön“ sagt der Gegner und pariert die Drohung, indem er seinen bis dahin passiven Turm auf die offene Linie befördert.

Konstantinos hat nicht nur um der Drohung willen eine seiner prächtigsten Figuren ins Abseits gestellt. Er hat auch noch dem Weißen geholfen, seine Stellung zu verbessern. Hoffnungsschach.

Unseren Schachfreund Oli können wir für derartiges Anfängerschach noch nicht schelten, er steht ja gerade am Beginn seiner Schachreise. Aber in ein paar Monaten werden wir ihm diese Stellung aus einer seiner Lichess-Partien vor die Nase halten:

hoffnung3.png

Sofort fällt die statische Struktur im Zentrum auf. Beim Schwarzen klafft auf e5 ein Loch, das kein Bauer bestreichen kann, beim Weißen auf e4: ein traumhafter Vorposten für einen Springer, den beide Seiten dort gerne zentral und möglichst ewig verankern möchten. Tatsächlich könnte Schwarz sofort einen Springer nach e4 ziehen.

Oli zog …Sg4. Weil der Weiße ja übersehen könnte, dass e3 inklusive Springergabel hängt, zog er seinen Springer auf ein Feld, auf dem er nichts zu suchen hat, und von dem aus er nur auf sein Traumfeld e4 kommt, wenn er sich wieder dahin zurückzieht, von wo er gekommen ist. Weiß zieht De2, deckt e3 und bedankt sich, dass ihm der Schwarze geholfen hat, die Türme zu verbinden.

Hoffnungsschach. Bitte nicht nachmachen.

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