Gegenkandidat mit dem Segen des Kremls: Das Ende der Ära Iljumschinow ist nah

Er hat die Fußball-WM 2018 organisiert und war bis vor vier Wochen stellvertretender Ministerpräsident Russlands. Jetzt hat er Zeit für Schach. Arkadi Dworkowitsch steigt bei der kommenden Präsidentenwahl des Weltschachbunds FIDE als vierter Kandidat in den Ring – mit dem Segen des Kremls und des russischen Schachverbands.

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Arkadi Dworkowitsch während der Schacholympiade. (Foto: Batumi Chess 2018)

Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow hat damit jegliche Unterstützung aus der russischen Föderation verloren. Beobachter erwarten, dass der seit 1995 amtierende Präsident nun seine erneute Kandidatur zurückzieht, aber das ist bislang nicht passiert. Bis vor kurzem war er noch trotz allen Gegenwinds durch Asien und Afrika gereist, um bei den dortigen nationalen Schachverbänden für seine erneute Präsidentschaft zu werben. Dieser Tage soll er zu einem dringenden Gespräch über seine Zukunft und die der FIDE in den Kreml gerufen worden sein.

Weil Iljumschinow seit Mitte 2016 auf der Sanktionsliste des US-Finanzministeriums steht, hat die Schweizer Bank UBS im April die Konten des Schachverbands geschlossen. Seitdem sucht die FIDE vergeblich nach einem Kreditinstitut, das ihr Geld will, handelt sich aber wegen des Mannes an ihrer Spitze nur Absagen ein. Einen einstimmigen Appell des FIDE-Präsidiums, sein Amt niederzulegen, lehnte Iljumschinow ab und kündigte stattdessen seine erneute Kandidatur an.

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Kirsan Iljumschinow

Als dann auch noch vor wenigen Wochen der mächtige russische Schachverband überraschend seine Unterstützung für das Team Iljumschinow bekundete, schien es tatsächlich möglich, dass der Kalmücke erneut gewinnt – und damit das Ende der FIDE als handlungsfähige Organisation besiegelt. Das dürfte sich nun mit der Kehrtwende des Verbands erledigt haben. Und wer dachte, Schach spiele in Russland keine gewichtige Rolle mehr, den dürfte das Antreten eines der einflussreichsten Männer zwischen Rostow und Wladiwostok eines Besseren belehren.

Kandidat Dworkowitsch, die russische Überraschung

Zuletzt hatten sich die Anzeichen verdichtet, dass sich die Russen noch von Iljumschinow ab- und jemand anderem zuwenden. Aber dass es sich um Dworkowitsch handelt, darf als Überraschung gelten. Exweltmeister Anatoli Karpow hatte seine Bereitschaft zu kandidieren bestätigt („Wenn Russland mich braucht“), und Andrei Filatow, Chef des russischen Verbands und kaum weniger einflussreich als Dworkowitsch, galt trotz mehrfacher Dementi ebenfalls als mögliche Personalie.

Die FIDE, de facto angeführt von Iljumschinows Gegenkandidaten (und seinem langjährigen Steigbügelhalter) Georgios Makropoulos hatte derweil unabhängig vom russischen Durcheinander nach internen Möglichkeiten gefahndet, eine Kandidatur des Kalmücken zu verhindern. Fündig geworden war sie bei ihrer Ethik-Kommission, die diesen Namen nicht verdient die Befugnis hätte, Iljumschinow vor die Tür zu setzen. Dort soll sich der Präsident noch vor der Wahl unter anderem für die Marionetten in seinem Schattenkabinett verantworten.

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Bei der Grand Chess Tour in Leuven kommentiert Nigel Short (links, mit Maurice Ashley) vor den Kulissen für die Zuschauer. Dahinter soll er mit seinem Jugendfreund Malcolm Pein darüber verhandeln, gemeinsam zur FIDE-Präsidentschaftswahl anzutreten.

„Iljumschinow muss weg“ – das war bislang das Hauptanliegen sowohl des Makropoulos-Teams wie des Briten Nigel Short, der unlängst seine Kandidatur verkündet hatte, um dem über zwei Dekaden eng mit Iljumschinow verbundenen Makropoulos ein unabhängiges Team gegenüberzustellen. Sollte nun Iljumschinow nicht antreten, wären beide ihres Profils beraubt. Wofür stehen Short und Makropoulos?

Makropoulos‘ Rückzug wäre konsequent

Makropoulos steht vor allem wie kein zweiter für das System Iljumschinow, der die FIDE finanziell von sich abhängig gemacht und bei seinen Weltreisen als russische Politmarionette als persönliche Verfügungsmasse betrachtet hat. Der Grieche versuchte in den vergangenen Monaten, sich davon zu lösen und sich als „Kandidat des Übergangs“ neu zu positionieren.

Auch Makropoulus‘ Rückzug wäre konsequent, sobald Iljumschinows Demission vollzogen ist – die einzige Möglichkeit zu demonstrieren, dass sein plötzliches Drängen auf Reform ernst gemeint war und nicht der aussichtsreichste Weg, nun selbst die Spitze der Hierarchie zu erklimmen. Der Guardian spekuliert stattdessen, dass Makropoulos eher versuchen werde, im Team Dworkowitsch unterzukommen.

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Malcolm Pein

Auf jeden Fall wird sich das Feld auf der Suche nach einem Profil jetzt neu sortieren. Hinter Makropoulos scharrt ja schon dessen Mitstreiter Malcolm Pein aus England mit den Hufen. Pein hat bekräftigt, dass er gerne FIDE-Präsident würde, sobald Makropoulos den Weg in den Ruhestand gefunden hat. Zwischen Pein und Makropoulos hatte es zuletzt arg geknirscht, als Korruptionsvorwürfe gegen Makropoulos‘ potenziellen Vizepräsidenten öffentlich wurden.

Schon dieser Tage am Rande der Grand Chess Tour in Leuven sollen die Jugendfreunde Pein und Short darüber verhandelt haben, ihre beiden Kandidaturen zu vereinen. Aber auch deren Beziehung ist nicht konfliktfrei. Pein hält Short wegen dessen wenig diplomatischer Art als Präsident für ungeeignet. Er sieht Short in der zweiten Reihe, Short sieht sich da eher nicht.

Sollten sich die beiden Briten zusammenraufen und Makropoulos sein Schicksal an das von Dworkowitsch hängen, dann hat sich wahrscheinlich bis zur Wahl im September das Quartett der Präsidentschaftskandidaten auf ein Duo reduziert. Team Pein/Short versus Team Dworkowitsch/Makropoulos wäre ein plausibler Showdown nach dem Hin und Her der vergangenen Monate. Wie das ausgehen mag, auch das steht in den Sternen. Der deutsche Schachjournalist Stefan Löffler glaubt jedenfalls, dass die Russen mit Karpow besser gefahren wären. Dschorkowitsch werde vor allem wahrgenommen als verlängerter Arm des Kremls, der nach Einfluss in der Sportpolitik fischt.

Dilettantismus, Peinlichkeiten und Großspurigkeit

Wenn sich das Hauptanliegen „Iljumschinow muss weg“ erledigt hat, zeichnet sich die nächste große Baustelle schon ab: der mit ljumschinow verbandelte Schach-Vermarkter Agon, der unter dem Namen „Worldchess“ bis 2021 die Rechte besitzt, den WM-Zyklus der FIDE zu organisieren. Anstatt Einnahmen zu generieren und den Sport ins rechte Licht zu rücken, fällt Agon vor allem durch Dilettantismus, Peinlichkeiten und Großspurigkeit auf. Agon-Chef Ilya Merenzon hat vor einigen Wochen in einem Gespräch mit dem Handelsblatt noch das seiner Meinung nach segensreiche Wirken Iljumschinows betont, eine Aussage, die er nun bereuen dürfte.

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Ilya Merenzon

Wie sich Dworkowitsch zum Agon-Problem stellt (sehen müsste er es als erfahrener Sport- und Polit-Organisator), bleibt abzuwarten. Pein und Short sind sich jetzt schon einig, dass hinsichtlich der Vermarktung der FIDE-Turniere dringender Handlungsbedarf besteht. Aber wenn sich Merenzon derart an seinen Vertrag bis 2021 klammert wie Iljumschinow an sein Präsidentenamt, dann werden die notwendigen Handlungen nicht so leicht und nicht so bald auszuführen sein.

Das von Agon organisierte WM-Match 2018 zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana beginnt wenige Wochen nach der Wahl zum FIDE-Präsidenten.

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