Wie gewinnt man eigentlich eine Schachpartie?

Ganz einfach: Wir nehmen dem Gegner so lange Material weg, bis er sich nicht mehr dagegen wehren kann, dass wir seinen König mattsetzen.

„Aber Schach ist doch viel schwieriger als das?!“, magst Du jetzt einwenden.

Klar, wenn Du starken Schachspielern zuhörst oder andere Artikel in diesem neunmalklugen Blog liest, dann hörst Du von Konzepten wie „Zeit“, „Raum“, „Mobilität“, „Koordination“, „Dynamik“, „Initiative“ und dergleichen.

Alles Mumpitz!

Wer ernsthaft einen Artikel mit der Überschrift „Wie gewinnt man eigentlich eine Schachpartie?“ anklickt, der braucht so etwas nicht, noch nicht.

Dein Konzept heißt „Material“.

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Was Du brauchst, sind Routinen, die Dir helfen, grobe Fehler zu vermeiden und die des Gegners auszunutzen.

Routine I:

Nie wieder eine Figur einstellen

Passiert gelegentlich, sollte nicht passieren. So lässt es sich verhindern:

Die ungedeckte Figur

Steht eine Figur von uns ohne Schutz auf dem Brett herum, muss in unserem Kopf eine Alarmglocke schellen. Ungedeckte Figuren geben dem Gegner stets taktische Möglichkeiten. Im einfachsten Fall nimmt er sie schlicht weg, manchmal bedient er sich einer Gabel oder eines Spießes, um unsere ungedeckte Figur einzusammeln.

Und darum prüfe stets, ob bei Dir alles gedeckt ist (und das sollte es allermeistens sein). Vor allem Deine aktiv und nahe am gegnerischen Lager aufgestellten Figuren sind gefährdet. Ist eine von denen ungedeckt, stelle sicher, dass der Gegner keine Taktik hat, um sie zu erobern. Und repariere im nächsten Zug diese Schwäche Deiner Stellung.

Im Idealfall ist immer alles gedeckt.

„Droht etwas?“

Diese Frage stellen wir uns nach jedem Zug des Gegners zuallererst.

Immer!

Wenn etwas droht, kümmern wir uns darum, und wenn nicht, stellen wir sicher, dass alles gedeckt ist. Dauert nur ein paar Sekunden und bewahrt uns vor so mancher Niederlage.

Routine I hilft uns, unseren Laden zusammenzuhalten und nichts einzustellen. Das ist schon einmal gut, aber nicht gut genug. Erst nach dieser Routine folgt Abschnitt II, und wir schauen nach aktiven Möglichkeiten für uns.

Wer nicht nach Chancen sucht, wird keine finden.

Wie in jeder anderen Sportart ist auch beim Schach das Vermeiden von Fehlern die Grundlage für den Sieg, aber es bedarf darüber hinaus einer gesunden Portion Aggressivität, um gegnerische Fehler auszunutzen.

 

Routine II:

Jeden Fehler des Gegners ausnutzen

Keine Sorge, unsere Gegner machen jede Menge Fehler. Wichtig ist, sie zu bemerken.

Die ungedeckte Figur

Dasselbe wie in Routine I.

Erst schauen wir, ob bei uns alles gedeckt ist, danach durchforsten wir die Truppen des Gegners nach ungedeckten Figuren.

Immer!

Haben wir eine ungedeckte Figur gefunden, dann haben wir ein Ziel gefunden.

Sofort beginnt die Suche nach taktischen Motiven. Vielleicht können wir die ungedeckte Figur einfach so wegnehmen? Vielleicht hilft eine Gabel oder ein Spieß, eine kleine Kombination? Und wenn nicht, vielleicht können wir eine Kombination vorbereiten?

Und selbst wenn das nicht funktioniert. Wir haben jetzt ein Ziel, und das behalten wir im Auge.

Vorwärts spielen!

Routine I macht uns zu einem Boxer mit einer perfekten Deckung, an der jeder Schlag des Gegners abprallt. Sie macht uns zu einer perfekt verteidigenden Fußballmannschaft, die einen undurchdringlichen Riegel um ihren Strafraum errichtet. Hinten steht die Null, prima.

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Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass vorne der Ball ins Tor geht. Und dafür müssen wir nach vorne spielen, kontrollierte Offensive. Wer starken Schachspielern zuschaut, der wird feststellen, dass sie kaum einmal ohne Not Figuren zurückziehen.

Aus unserer perfekten Deckung heraus wollen wir dem Gegner ordentlich vor die Rübe hauen, sobald er sich eine Blöße gibt. Und das ist leichter, wenn wir stets am Mann (oder an der Frau) sind, anstand verschämt Abstand zu halten.

Aggressivität ist der Schlüssel zum Sieg.


Zwei Beispiele aus der Lichess-Praxis unseres Schachfreunds Oli. Hätte Oli unsere beiden Routinen schon gekannt, hätte er die eine Partie nicht verloren und die andere leicht gewonnen.

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Gerade hat Oli seinen schwarzfeldrigen Läufer auf c5 abgestellt. Gute Idee, ein aktiver, zentraler Posten für den Läufer. Aber er ist ungedeckt. Erst einmal nicht schlimm, der Läufer ist ja auch nicht angegriffen.

Aber mit dem Zug …Lb4-c5 hätte in Olis Kopf sofort der „Ungedeckt“-Alarm ertönen müssen. Oben auf seiner Agenda hätte stehen sollen, im nächsten Zug dafür zu sorgen, dass alles gedeckt ist.

Der Gegner antwortete De2-c4.

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„Droht etwas?“ Klar, er droht, den Lc5 zu schlagen.

Die ungedeckte Figur auf c5 hätte Oli ohnehin auf der Agenda haben müssen – und nach der Frage „Droht etwas?“ gleich doppelt.

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Hatte er leider nicht. Oli zog …b7-b5, und der Läufer war weg.

So eine Niederlage nagt an der Psyche, wie wir in Olis nächster Partie sehen werden.

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Auf d5 hat Oli mit seinem Springer einen prächtigen aktiven, zentralen Vorposten eingepflanzt. Der Stolz der weißen Stellung und ein Dorn im Fleisch des Schwarzen! Der Springer, geschützt vom Bauern e4, ist auf d5 dauerhaft verankert, ohne dass der Schwarze ihn gefährden könnte. Wie stark so ein zentraler Vorposten ist, haben wir ja neulich im Beitrag „Die Eröffnung: Wie beginnt man eigentlich eine Schachpartie“ gesehen.

Bei uns alles gedeckt? Ja.

Schauen wir nach aktiven Möglichkeiten.

Beim Gegner alles gedeckt? Nein.

Der Lc5 steht ungedeckt herum. Können wir ihn wegnehmen? Leider nicht, aber immerhin haben wir ein Ziel gefunden, und das behalten wir im Auge.

Andere aktive Möglichkeiten? Klar, Sd5-c7+, eine Springergabel, die die schwarze Dame gewinnt.

Oli zog stattdessen Sd5-c3, und das zeigt, dass die Niederlage zuvor noch an ihm arbeitete. Wenn das Zuversicht und Zutrauen in die eigenen Möglichkeiten fehlen, dann führt das dazu, dass wir sogar unsere beste (und ungefährdete) Figur verstecken wollen, anstatt nach Chancen zu suchen.

Vorwärts spielen!


Manchmal können wir eine ungedeckte Figur einfach so wegnehmen. „Einzügig“, nennt das der Schachspieler, und das ist natürlich besonders praktisch.

Oft ist es aber schwieriger, und es bedarf einer kleinen Taktik. Einer Springergabel zum Beispiel, so wie bei Oli.

Schachtraining für Kinder mit Fritz&Fertig

Wenn Du diese kleinen taktischen Motive oft genug gesehen hast, dann werden Sie Dich in der Partie automatisch anspringen. Oli kennt dieses (und viele andere) Motiv natürlich vom Schachtraining für Kinder mit Fritz&Fertig, aber kennen allein reicht nicht.

Wenn Du erst einmal 50 oder 100 Springergabeln gesehen hast, dann wird Dir keine mehr entgehen. Und dann hätte sogar ein frustrierter Oli mit leichter Hand Sd5-c7+ nebst Damengewinn gezogen.

Und darum der Tipp des Tages, die Seite blitztactics.com.

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Dort warten hunderte kleine Schachtaktiken auf Dich, vom Matt in 1 bis zu Springergabel, die dafür sorgen, dass Dir in der Praxis keine Chance mehr entgeht.

Viel Erfolg!

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2 Kommentare zu „Wie gewinnt man eigentlich eine Schachpartie?

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