Besuch beim Spezialisten

Uns macht es stolz zu sehen, dass jeden Tag hunderte Schachspieler dieses noch so junge Blog nutzen, um fundamentale Konzepte zu lernen, von denen sie beim Vereinsabend oder beim Online-Blitz nie hören würden. Das ging schneller als erwartet. Nur glaube bitte niemand, allein die Lektüre dieses Blogs lifte die Spielstärke.

Kein Schachspieler wird plötzlich von 1.400 auf 1.900 DWZ springen, nur weil er in der Eröffnung superflexibel ist, im Mittelspiel weiß, wohin mit welchem Turm und im Endspiel keine Chance verpasst, in ein gewonnenes Bauernendspiel abzuwickeln.

Sorry, Leser, so läuft das leider nicht. Du kannst noch so viel über Schach wissen, Dir noch so viel Schachkultur anlesen: Wenn Du nicht aufhörst, Figuren einzustellen und nicht anfängst, die eingestellten des Gegners wegzunehmen, dann wirst Du trotzdem ein elender Patzer bleiben. Und Patzern bleibt eine der größten Freuden des Schachspiels leider meistens verwehrt.

Schach macht Spaß, wenn man gewinnt.

Jede Schachpartie wird durch Taktik entschieden. Wer taktisch nicht fit ist, wird die meisten entschiedenen Partien verlieren. Weil die DWZ-Listen voll sind mit 2.000ern, die nichts über Schach wissen, aber jeden taktischen Trick sehen, predigen wir beim Vereinsabend ohne Unterlass: „Jeden Tag ein paar Minuten Taktik.“

Taktiktraining allein (plus ein bisschen Talent) würde reichen, um viel besser zu werden als der durchschnittliche Vereinsspieler mit seinen 1.650. Trotzdem gibt es in beinahe jedem deutschen Verein diese tragische Figur, die unheimlich viel über Schach weiß, ohne Unterlass Enzyklopädien und Biografien wälzt, und trotzdem am Brett nicht vorankommt, weil sie auf jeden taktischen Trick ihrer ahnungslosen Gegner hereinfällt.

Anfänger üben Taktik ausschließlich, um Muster ins Gehirn zu brennen, Fortgeschrittene, um Variantenberechnung zu trainieren. Wer sein tägliches Taktik-Programm absolviert hat, der darf sich gerne Fragen der Strategie zuwenden.

Wir neigen ja dazu, aufstrebende Schachspieler zu Lichess zu schicken, die übersichtlichste und am besten gemachte All-in-one-Schachlösung im großen, weiten Zwischennetz. Aber für spezifische Bedürfnisse gibt es eben auch spezifische Angebote, und die beherrschen ihre spezielle Nische in der Regel besser als die Allrounder. Das gilt für den Besuch beim Arzt wie für den Besuch beim Schachtrainer.

chesstempo.jpg

Unseren Schachfreund Arno zum Beispiel haben wir für seine täglichen Taktikminuten zu Chesstempo geschickt, dem besten und umfänglichsten Angebot für Taktiktraining. Das kommt zwar aufgrund der zahlreichen möglichen Einstellung auf den ersten Blick verwirrend daher, bietet dem geübten Anwender aber eine Funktionsvielfalt, die ihresgleichen sucht.

Und die Probleme sind (in der Mehrzahl) besser weil nicht ausschließlich computergeneriert (wie bei Lichess), auch Nicht-Premium-Mitglieder dürfen beliebig viele Probleme lösen (und nicht nur fünf wie bei chess.com), außerdem sind die Probleme (in der Mehrzahl) manuell geprüft. Aber natürlich liegt auch im hübschesten Nest gelegentlich ein faules Ei. Ein solches meinte Arno neulich gefunden zu haben, als ihm Chesstempo diese Stellung präsentierte:

chesstempo.jpg
Weiß am Zug gewinnt (angeblich). Ist 1.Lxe6 eindeutig am besten?

Arno schwankte zwischen 1.Lxe6, das potenziell eine Qualität gewinnt und 1.Sxe6, das zwei Bauern gewinnt. Weil Weiß potenziell auch noch einen Turm auf der siebten Reihe einpflanzen kann, entschied er sich schließlich für 1.Sxe6.

chesstempo2.png

„Falsch“, rief Chesstempo, das 1.Lxe6 sehen wollte. Arno wandte sich sogleich Rat suchend an uns: „1.Sxe6 ist doch auch ein guter Zug?!“ Wir geben die Frage an die Schar unserer Leser weiter.

Frage 83

1.Lxe6 oder 1.Sxe6? Beides gute Züge?

Frage 84

Chesstempo gibt die Gewinnvariante 1.Lxe6 dxe6 2.Sxe6 De7 und so weiter. Was halten wir davon?

Frage 85

Chesstempo bewertet das Problem mit einem Rating von 1.440, also eine Aufgabe für den unterdurchschnittlich guten Vereinsspieler. Ist das angemessen?

Frage 86

Hat Arno das faule Ei im Chesstempo-Nest gefunden?

Weil wir eine Strategie-Seite sind, die Ihr gerne täglich, aber bitte erst nach dem Taktiktraining besucht, dürft Ihr (müsst Ihr aber nicht) eine Engine benutzen, um Frage 83 bis 86 zu beantworten.

Hier ist die Stellung aufgebaut, Stockfish steht als Analysehelfer bereit, viel Spaß.

Benutzt bitte trotzdem auch Euer Gehirn. Wer nur maschinelle Stellungsbewertungen abliest und sich nicht die Mühe macht zu verstehen (das gilt speziell für die Folgen von 1.Sxe6), der wird nichts lernen.

Hier geht’s zu den Antworten

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