Die chinesische Mauer hielt, die chinesische Hüfte nicht

Das Norway-Chess-Turnier wird als Wettstreit der Versehrten und Unwilligen in die Schachgeschichte eingehen, selbst wenn alle Teilnehmer die verbleibenden Runden verletzungsfrei überstehen. Erst wollte Fabiano Caruana gar nicht antreten, dann drohte Shakh Mamedyarov wegen Zahnschmerzen auszufallen, dann stürzte Ding Liren vom Fahrrad und brach sich sie Hüfte. Statt am Brett zu sitzen, liegt er nun im Krankenhaus.

Aus dem Norway Chess ist er raus, und sein im Juni geplantes Match gegen die tschechische Nummer eins David Navara hat Ding ebenfalls abgesagt. „Ich fliege jetzt zurück nach China und muss erst einmal gesund werden“, erklärte er im norwegischen Fernsehen. In ein, vielleicht zwei Monaten werde er in die Schacharena zurückkehren.

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Nach 75 Partien ohne Niederlage jetzt im Krankenhaus: Ding Liren. (Illustration: Willum Morsch)

Für den Chinesen endet damit vorläufig eine Serie von 75 Turnierpartien ohne Niederlage. Zuletzt im August 2017 (gegen Anish Giri) kassierte er eine Null, seitdem trotzt die chinesische Mauer jedem Ansturm. Die Klasse seiner Gegnerschaft macht Dings Serie umso beeindruckender: Unter anderem im World Cup, Grand Prix und Kandidatenturnier blieb er gegen reihenweise 2.700+-Spieler ungeschlagen. Sein Lauf führte ihn auf Rang vier der Weltrangliste, wo er sich nun vor Vladimir Kramnik und weniger als 3 Punkte von den 2.800 entfernt eingereiht hat.

Von der längsten Serie ohne Niederlage ist Ding Liren gleichwohl noch ein gutes Stück entfernt. Diese Serie gehört nicht, wie man meinen könnte, dem als „Schachmaschine“ bezeichneten Exweltmeister José Raúl Capablanca (1888-1942), der als kaum besiegbar galt. Zwar blieb Capablanca von 1916 bis 1924 ungeschlagen, spielte in dieser Periode aber nur 63 Partien.

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Acht Jahre ohne Niederlage: José Raúl Capablanca.

Den Spitzenplatz in der Statistik belegt nach einer Erhebung von New in Chess jemand, dessen Spiel als Gegenentwurf zu Capablancas Solidität durchgehen würde: der lettische Exweltmeister und Schach-Feuerwerker Mikhail Tal blieb 1973/74 über 95 Partien ohne Niederlage und toppte damit noch seine 86 verlustfreien Partien, die ihm 1972/73 gelungen waren. Laut NIC steht er damit auf Platz eins und zwei der Rekordliste der Unbesiegbaren. Angesichts seiner Risikofreude ist das allemal überraschend, auch wenn seine Gegnerschaft während dieser Serien den einen oder anderen schwächeren Spieler in offenen Turnieren beinhaltet.

Unangefochten ist Tals Spitzenplatz nicht. Als die Chessbase-Website die NIC-Statistik veröffentlichte, bekam der Autor und Chessbase-Gründer Frederic Friedel sogleich Post vom niederländischen Großmeister Sergej Tiviakov und vom Briten Bogdan Lalic. Beide weisen darauf hin, dass sie in den frühen 2000ern jeweils über 110 Partien ungeschlagen blieben. Auch in diesen Serien dürfte sich manches „Fallobst“ aus frühen Runden von offenen Turnieren finden.

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Kaum besiegbarer Feuerwerker: Mikhail Tal.

So oder so, von der längsten Unbesiegt-Serie ist Ding Liren noch ein gutes Stück entfernt, wenngleich keiner der Spieler vor ihm sich durchgehend derart starker Gegner erwehren musste. Ding Liren hat sich im Lauf der vergangenen Monate nicht nur an der Weltspitze etabliert, er hat sich obendrein einen Namen als erfindungsreicher Verteidiger gemacht.

Unter Druck und in Schwierigkeiten versteht es der Chinese wie kaum ein anderer, dem Gegner unentwegt Probleme zu stellen und Gegenchancen zu kreieren. Was noch fehlt, ist die Fähigkeit, Partien vollends zu drehen, wenn sich der Gegner in den von Ding ausgelegten Fallstricken verheddert hat. Hätte er seit August 2017 nur ein paar mehr Partien gewonnen, in denen es ihm gelungen war, das Blatt zu wenden, Ding Liren wäre längst Mitglied im 2.800er-Club.

Dings Auftaktpartie in Norwegen gegen Hikaru Nakamura illustriert sowohl Stärke wie Schwäche der chinesischen Nummer eins. In schwieriger Lage, in der andere Großmeister von Nakamura überrollt worden wären, findet Ding Liren mit 19…h5 eine Option, in der Partie zu bleiben, und er wehrt sich so lange erfolgreich, bis Nakamura den Faden verliert. Aber als sich dann die Chance bietet, die Partie vollends zu drehen, ergreift er sie nicht.

Nakamura, Hikaru (2.769) – Ding, Liren (2.791)
NorwayChess, Stavanger 2018, Mikenas-Angriff

1. c4 Nf6 2. Nc3 e6 3. e4 

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Der Mikenas-Angriff, benannt nach dem litauischen Schachmeister Vladas Mikenas (1910-1992). Neben der Hautpfortsetzung 3…d5 spielen die Schwarzen an dieser Stelle auch 3…c5 4.e5 Sg8. Weiß wird seinen vorgerückten e5-Bauern nicht halten können, setzt aber darauf, dass er angesichts des schwarzen Zeitverlusts genügend Spiel dafür bekommt. 3…e5!? wäre abseits aller Theorie, aber weder doof noch schlecht.

3… d5 4. cxd5

(4. e5 d4 5. exf6 dxc3 6. bxc3 Qxf6 7. d4 wäre die Hauptvariante. Anstelle des traditionellen 7…e5 hat sich zuletzt 7…b6 aus Sicht des Schwarzen bewährt, unter anderem in Partien von Ding Liren. Deswegen fischen die Weißen derzeit verstärkt mit 4.cxd5 nach Eröffnungsvorteil. In der Partie Aronian-Ding, Kandidatenturnier Berlin 2018, folgte 7…b6 8. h4 Bb7 9. Bg5 Qf5 10. Bd3 Qa5 11. Kf1 mit kaum zu durchschauenden Verwicklungen.)

4… exd5 5. e5 Ne4 6. Nf3 Bf5

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7. d3

Will erst den im weißen Lager eingepflanzten e4-Springer vertreiben, bevor er per d4 seinen e5-Bauern stützt.}

(Sofortiges 7. d4 Bb4 8. Bd2 Bxc3 9. Bxc3 O-O ist komfortabel für Schwarz.)

7… Nxc3 8. bxc3 c5 9. d4

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Die Stellung hat nun ein Gesicht, und die Struktur zeigt an, in welche Richtung beide Seiten marschieren werden. Gestützt auf seine Speerspitze e5 wird der Weiße versuchen, Spiel am Königsflügel zu bekommen, wo er sich Raumvorteils und potenziell besserer Mobilität erfreut. Aber dafür muss er den Lf5 aus dem Weg räumen. Wenn Schwarz dem Weißen an dieser Stelle nicht dazwischenfunkt, dann wird Ld3 folgen, und Weiß wird wegen seiner Aussichten am Königsflügel das angenehmere Spiel haben.

9… Qa5  

Neuerung aus Ding Lirens Analyseküche. Schwarz provoziert Ld2, so dass der Weiße nicht mehr Ld3 ziehen kann.

(9… c4 geschah unlängst in Carlsen,M (2843)-Aronian,L (2794), Karlsruhe/Baden-Baden 2018, um Ld3 zu verhindern.)

(Nach 9… Nc6 10. Bd3 Bxd3 11. Qxd3 musste der Schwarze in Grischuk,A (2767) -Nakamura,H (2787), Moscow 2018, lange leiden, bis er nach 96 Zügen ein Remis erreicht hatte.)

10. Bd2 Nc6

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11. Be2

(11. c4 Qd8 hilft eher dem Schwarzen, das weiße Zentrum ist wackelig. c4 und d4 hängen, aber sowohl 12.cxd5 als 12.dxc5 begünstigen die schwarze Entwicklung. Weiß könnte mit 12. Qb3 Be6 13. Qxb7 Rc8 auf Bauernjagd gehen, aber Nakamura durfte davon ausgehen, dass Ding Liren sich dieses Abspiel daheim genauestens angeschaut hat.)

11… Be7 12. O-O O-O

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Der weißen Aufstellung fehlt es an Harmonie, um sich wie erwünscht am Königsflügel auszubreiten. Also schiebt Nakamura erst einmal schwarzer Expansion am Damenflügel einen Riegel vor und beordert einen Turm auf die b-Linie.

13. a4 Rac8 14. Ra2 a6 15. Rb2 c4

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16. Ne1!

Plant Lg4, um den das weiße Spiel hemmende Lf5 zu liquidieren und endlich die Dame zum Königsflügel zu überführen.

(16. Rxb7?! verliert die b-Linie nach 16… Rb8 17. Rxb8 Rxb8)

16… b5?!

Schwarz ignoriert den weißen Plan und marschiert sofort auf „seinem“ Flügel voran. Aber wahrscheinlich wäre ein Zug wie 16…Tb8 besser gewesen. Das löst die potenzielle Fesselung auf der Diagonalen h3-c8 auf, so dass Schwarz nach Lg4 seinen weißfeldrigen Läufer auf dem Brett behalten kann, und unterstützt obendrein …b7-b5-b4.

17. axb5 axb5 18. Bg4 Bxg4 19. Qxg4

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Und schon steckt Schwarz in Schwierigkeiten. Lh6 droht, und auch e6 ist eine kräftige Option. Weiß erfreut sich einer mächtigen Initiative.

19… h5!

Ding erkennt, dass er überspielt zu werden droht, und steckt einen Bauern ins Geschäft, um den weißen Angriff zu verlangsamen und Gegenspiel zu bekommen.

(Normalsterbliche würden an dieser Stelle das schematische 19… Rfe8 ziehen, aber nach 20. Nc2! steht Weiß auf beiden Flügeln besser, und Schwarz hat kein Gegenspiel. Der Weiße kann sich aussuchen, ob er mit Ta1 oder Tb1 auch auf dem Damenflügel das Kommando übernimmt, oder ob er weiter gegen den schwarzen König vorgeht.)

20. Qxh5 b4

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21. Qg4

Erneuert die Drohung Lh6

(Wenn Weiß auf b4 schlägt, wird Schwarz alles daran setzen, den dann ungedeckten d4-Bauern zu erobern, um sich ein Paar verbundener Freibauern zu schaffen. Aber auch das ist nicht so klar. Zum Beispiel nach 21. cxb4 Qa3 22. Rc2 Nxd4 23. Rc3 droht ein tödlicher Turmschwenk, und die weiße Initiative läuft auch nach 23…g6 weiter.)

21… Rfe8 22. Nf3 Qa3 23. Rc2 b3 24. Rcc1 Qa2

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Nakamura hat die schwarze Lawine bereitwillig rollen lassen, ein Zeugnis großer Weitsicht. Schwarz droht: nichts. Die schwarze Dame lungert um Abseits herum, und der b-Bauer wird niemals b1 erreichen.

25. Qf5

Nicht zielstrebig genug. Weiß beginnt zu driften, Schwarz findet zurück in die Partie.

(Mit 25. Bh6 Bf8 26. Nh4 könnte Weiß den Sack fast schon zumachen. Der weiße Angriff ist kaum zu stoppen.)

25… Ra8 26. Bg5

„Jetzt noch e6, und ich gewinne“, mag Nakamura an dieser Stelle gedacht haben. Aber er hatte eine zentrale Verteidigungsidee übersehen.

26… Qe2

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Mit der Idee …Dd3, und Schwarz bekommt entweder seine Dame zurück ins Spiel, oder die Damen werden getauscht, wonach der weiße Angriff vorüber wäre und die schwarzen Freibauern mit einem Mal ein kräftiger Trumpf.

27. Qd7 Bxg5 28. Nxg5 Ne7

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d5 ist gedeckt, Weiß droht nichts, alles gut bei Schwarz.

29. e6 f6 30. Nf7

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Will mit dem Kopf durch die Wand, obwohl die Stellung das nicht mehr hergibt…

30… Ng6?

…und wird dafür belohnt…

(30… Kf8, und Schwarz kann beginnen, darüber nachzudenken, wie sich die Partie vollends drehen lässt. e6 und c3 sind anfällig, und der b2-Freibauer bindet die weißen Kräfte auf der Grundlinie)

31. Nh6+?

…aber nimmt die Belohnung nicht. Psychologisch verständlich. Der Weiße wird während der vergangenen Züge gespürt haben, wie ihm die Partie entgleitet, und als sich ihm nun in Zeitnot ein Dauerschach bietet, ergreift er sogleich die Chance, ohne andere Optionen zu prüfen.

(31. Rce1 nebst Sd6 macht den e-Bauern doch noch zur Macht. Nach zum Beispiel 31… Qh5 32. Nd6 Re7 33. Nc8! gewinnt Weiß schon Material.)

31… gxh6 32. Qf7+ Kh8 33. Qxf6+ Kh7 34. Qf7+ Kh8 35. Qf6+ Kh7 36. Qf7+ Kh8 37. Qf6+ 

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remis

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5 Kommentare zu „Die chinesische Mauer hielt, die chinesische Hüfte nicht

  1. „Für den Chinesen endet damit vorläufig eine Serie von 75 Partien ohne Niederlage.“
    Seit wann beeinflussen nicht-schachliche Niederlagen (im übertragenen oder auch wortwörtlichen Sinn) derlei Statistiken? Meines Wissens zählen nur Schachpartien – auch da übrigens nur mit klassischer Bedenkzeit: im Schnell- und Blitzschach hat Ding Liren nach der Null gegen Giri im August 2017 diverse Partien verloren: nicht nur im $$$$$$-Match gegen Carlsen in St. Louis, auch z.B. bei der WM in Riad und zuletzt mehrfach im Blitzturnier direkt vor Norway Chess

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    1. Wenn Du Dich verletzt und für Wochen ausfällst, dann ist die Serie vorläufig zu Ende. Gönnen wir ihm, dass sie danach weitergeht.

      Aus „Partien“ hab‘ ich mal „Turnierpartien“ gemacht, damit der nächste Leser auf der Suche nach Missverständlichem nicht fündig wird. Danke für den Hinweis!

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  2. Interessanter Beitrag, der die Rasanz, mit der die jüngste Generation aus dem Reich der Mitte die internationale Schachszene aufmischt, schön herausarbeitet! Ich bin schon lange überzeugt, dass diesem Milliarden-Volk die Zukunft des Weltschach gehört (in der Wirtschaft wird der Führungsanspruch ja allmählich Realität…). Und wenn dann noch erst das „westliche“ Schach dem im China überwiegenden „Xiangqi“ (Chinesisches Schach) ebenbürtig häufig gespielt wird…

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