Warum eigentlich „Indisch“?

Als auf dem Kontinent die Waffen schwiegen, brach auf dem Schachbrett eine Revolution aus. Die „Hypermodernen“, angeführt von Richard Reti und Aaron Nimzowitsch, lehnten sich gegen die (vermeintlich) starren Lehren Steinitzs und Tarraschs auf.

Beherrschen statt besetzen

Den Kampf um das Zentrum führten diese jungen Wilden des Schachs mit ganz anderen Mitteln als ihre großen Vorgänger. Die hatten noch gefordert, von Beginn an das Zentrum zu besetzen. Nun luden Reti und Nimzowitsch ihre Gegenspieler sogar ein, sich mächtige Bauernzentren zu bauen, nur um diese dann unter Beschuss zu nehmen, bevorzugt mit fianchettierten Läufern.

„Beherrschen statt besetzen“, war die zentrale These der Schach-Revoluzzer. Und so entstand in den 1920ern eine ganz neue Klasse von Eröffnungen, die „indischen Verteidigungen“, die auf den Ideen der Hypermodernen basierten.

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Nimzowitsch-Indisch hatte Alexander Aljechin schon vor Aaron Nimzowitsch auf dem Brett…

Wer die Entstehungsgeschichte solcher Eröffnungen verfolgen will, dem bietet sich dafür mit einer umfassenden Schachdatenbank (der Megabase idealerweise) eine kaum erschöpfliche Informationsquelle. Schlüsselstellung aufbauen, in den Partien die Kolumne „Jahr“ anklicken, und schon sehen wir, wer diese Stellung zuerst auf dem Brett hatte.

Auf diese Weise sehen wir zum Beispiel, wie sehr sich der spätere Weltmeister Alexander Aljechin in jungen Jahren zu den Hypermodernen hingezogen fühlte. Die Nimzowitsch-Indische Verteidigung spielte Aljechin schon vor ihrem Namensgeber (und lange, bevor sie so hieß), und Grünfeld-Indisch hatte Aljechin schon auf dem Brett, bevor sich der Österreicher Ernst Grünfeld um die Entwicklung „seiner“ Eröffnung verdient machte.

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…und Grünfeld-Indisch vor Ernst Grünfeld. Aber wer sind eigentlich die Schachfreunde Cochrane und Bonnerjee, die in beiden Listen ganz oben stehen?

Wenig später sollte Aljechin selbst eine hypermoderne Eröffnung erfinden, die „Aljechin-Veteidigung“ 1.e4 Sf6, die dem Weißen anbietet, den schwarzen Springer herumzuscheuchen und zugleich das Zentrum mit Bauern zu besetzen. Deren größter Anhänger wurde neben Aljechin kein anderer als Ernst Grünfeld.

Aber wer sind eigentlich die Schachfreunde Cochrane und Bonnerjee? Der Datenbank nach lassen diese beiden die Hypermodernen ganz schön alt aussehen. Die Grundstellung fast aller Indischen Verteidigungen erreichten diese beiden Herren schon 70 Jahre vor den Hypermodernen bei ihren Partien in Kalkutta.

John Cochrane (1798-1878) war ein schottischer Schachmeister, hauptberuflich Jurist. Jahrzehnte seines Lebens verbrachte Cochrane in Indien, gründete in Kalkutta den lokalen Schachclub. Seine Schachstudien wirken bis heute.

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John Cochrane

John Cochrane verdanken die „Schottische Eröffnung“ und natürlich das „Cochrane-Gambit“ ihren Namen (1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sxf7), das den Stil seines Namensgebers trefflich spiegelt. Cochrane war, ganz ein Kind seiner Zeit, ein wilder Angreifer, der sich nicht scheute, für Attacken auf den gegnerischen König Material zu geben. Die „Cochrane-Verteidigung“ ist keine Eröffnung, sondern die Methode, das Endspiel Turm gegen Turm+Läufer remis zu halten.

Lange suchte der nach Howard Staunton (seinem ehemaligen Schüler) zweitbeste britische Spieler in Indien nach Gegnern, die ihm auf Augenhöhe begegnen. 1848 schließlich hörte Cochrane von einem Brahmanen aus einem Dorf in der Nähe von Kalkutta, der angeblich noch nie beim Schach verloren hatte: Moheschunder Bannerjee.

Der Doppelschritt des Bauern: in Indien unbekannt

Cochrane suchte Bannerjee auf, und in den Jahren danach sollten die beiden hunderte Partien spielen. Die meisten davon sind erhalten, weil Cochrane eifrig mitschrieb und dafür sorgte, dass die Partien in britischen Schachpublikationen veröffentlicht werden. Mit Bannerjee hatte er in Indien einen würdigen Gegner gefunden, der etwa ein Drittel der entschiedenen Partien gewann.

Und das, obwohl er mit einen erheblichen Handicap spielte: Die Partien gegen Cochrane wurden nach den (bis heute gültigen) europäischen Schachregeln ausgetragen, Bannerjee hatte aber zeitlebens nach den indischen gespielt. Die unterschieden sich in einem wesentlichen Detail vom Schach, wie wir es kennen: Der Doppelschritt eines Bauern zu Beginn der Partie war seinerzeit in Indien nicht erlaubt.

8.000 Kilometer von London entfernt pflegten Schachspieler sich darum zu Beginn der Partie ganz anders aufzubauen, als es in Europa üblich war. Während die europäischen Meister erst einmal das Zentrum mit Bauern besetzten, waren in Indien Fianchettos schon verbreitet, noch bevor Nimzowitsch, Grünfeld oder Reti geboren wurden. Mit Schwarz …d6, …g6 und …Lg7 zu spielen, fühlte sich für den indischen Schachmeister des frühen 19. Jahrhunderts natürlich an. In Europa sollte sich ein solcher Aufbau erst 100 Jahre später verbreiten.

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Vorgezogene Begegnung der Klassiker mit den Hypermodernen: den Vierbauern-Angriff der Königsindischen Verteidigung hatten Cochrane und Bonnerjee schon in den 1850ern dutzende Male auf dem Brett – mit gemischten Ergebnissen.

Weil Bannerjee mit dem Doppelschritt der Bauern nicht vertraut war, folgte er während der Eröffnung gegen Cochrane meistens Pfaden, die ihm geläufig waren. Und so kam es, dass die „klassische“ und die „hypermoderne“  Philosophie auf dem Schachbrett schon ihren ersten Kampf ausfochten, lange bevor sich die Klassiker um Steinitz etabliert hatten, und noch länger, bevor sich junge Schachmeister zur Revolution dagegen provoziert fühlten.

Darum finden wir heute oft Partien zwischen Cochrane und Bannerjee als Premiere „indischer“ Eröffnungssysteme. Ganz besonders intensiv debattierten die beiden den Vierbauern-Angriff in der Königsindischen Verteidigung. Cochrane baute sich getreu seinen Prinzipien eine breite Bauernphalanx, Bannerjee stichelte dagegen. Gelegentlich probierte Bannerjee auch einen Doppelschritt des Bauern, und plötzlich stand Grünfeld-Indisch auf dem Brett. Oder gar Russisch. Auch das Cochrane-Gambit feierte seine Premiere im Match zwischen dem Juristen aus Schottland und dem Brahmanen aus Westbengalen.

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Savielly Tartakower

Als die Hypermodernen in den 1920ern mit Macht die Schacharena stürmten, fiel dem polnisch-österreichischen Schachmeister und Autor Savielly Tartakower auf, dass er deren Schemen schon einmal in den alten Partien zwischen Cochrane und Bonnerjee gesehen hatte.

Tartakower schlug vor, die neuen Eröffnungen in Gedenken an die alten Partien des Brahmanen aus Kalkutta „Indisch“ zu nennen. Dieser Vorschlag erfuhr manche Verfeinerung, setzte sich aber im Prinzip durch, und dabei ist es bis heute geblieben.

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