Caruanas gescheiterter Rückzug, Carlsens neue Sekundantin

caruanaaltiboxFabiano Caruana kam nicht raus aus seinem Vertrag. Zwei Wochen lang hat der WM-Herausforderer mit den Veranstaltern des Altibox-Turniers in Norwegen verhandelt, um aus dem Kräftemessen der zehn Weltklassespieler aussteigen zu dürfen. Vergeblich.

Der norwegische Schachjournalist Tarjei J. Svensen verbreitete die Kunde von Caruanas gescheitertem Ausstiegsversuch während der erste Runde des seit Montag laufenden Turniers, bei der Caruana wie unlängst beim GrenkeChess in Karlsruhe auf Magnus Carlsen traf – und sich in einer vom Weltmeister ambitioniert geführten Partie eine Niederlage einhandelte.

Carlsen: „Er hat nicht besonders gut gespielt“

Nach einem Bauernopfer Carlsens war Caruana unter Druck geraten, und den hielt Carlsen aufrecht, bis Caruanas Stellung in ihre Einzelteile zerfiel. „Das war ein Spaß, den ich so nicht erwartet hatte“, sagte Carlsen anschließend. „Aber er hat auch nicht besonders gut gespielt. Für mein Selbstvertrauen ist das gut, aber so einfach wird das in London nicht.“

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Diesmal sendete Magnus Carlsen eine Botschaft. Illustrationen: Willum Morsch (@WillumTM)

5:10 bei 17 Remis steht es damit in der Gesamtbilanz zwischen dem Herausforderer und dem Champion. Vor dem WM-Match im November werden sie wahrscheinlich nicht wieder gegeneinander spielen (eventuell noch bei der Schacholympiade, sollten dort die USA auf Norwegen treffen und beide Nationalmannschaften ihre Nummer eins aufstellen).

Warum Caruana aus dem Turnier in Stavanger aussteigen wollte, dazu sickerten keine weiteren Informationen durch. Zu erklären ist es dennoch leicht. Der Weltranglistenzweite hat einen kräftezehrenden Triathlon hinter sich (Kandidatenturnier, GrenkeChess, US-Meisterschaft), und nun will er fünf Monate vor dem Match seines Lebens lieber Pause und Vorbereitung kombinieren, als schon wieder einen 2.800er nach dem anderen verarzten zu müssen.

Caruana hat mit seinem Trainingscamp vor dem Kandidatenturnier gute Erfahrungen gemacht. Es liegt nahe, dass er sich vor dem WM-Match einen ähnlichen Ablauf verordnen möchte. Bestimmt hat seine Absage nichts damit zu tun, dass er Carlsen aus dem Weg gehen wollte. So wie Carlsen tendenziell Praxis auch als Vorbereitung begreift, wird Caruana dazu tendieren, sich für längere Phasen zurückzuziehen, um mit seinem Sekundantenteam an theoretischen Dingen zu arbeiten.

LeelaZero im Analyse-Test bei Carlsen-Sekundant Jon-Ludvig Hammer

Gearbeitet wird im Camp Carlsen natürlich auch, ob der Chef nun gerade spielt oder nicht. Carlsens Freund und Sekundant Jon-Ludvig Hammer, zweitbester Spieler Norwegens, testete jetzt öffentlich ein mögliches Setup für seine Analysen, mit denen er das Repertoire des Weltmeisters füttern wird. Drei Stunden lang spielte Hammer mit LeelaZero herum, dem AlphaZero für alle.

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Links Stockfish, rechts Leela: Jon-Ludvig Hammer analysiert.

„Als Sekundant in WM-Matches ist es hochinteressant für mich zu sehen, ob Input von so einem Schachprogramm für die Analyse hilfreich sein kann“, erklärte Hammer. Leelas großer Bruder AlphaZero hat Schachspielern ja manche Einsicht über tiefe Konzepte beschert, wurde danach aber von der Google-Tochter DeepMind weggeschlossen. Nun warten Profis darauf, dass Leelas Spiel eine ähnliche Tiefe erreicht, um von den Einsichten des selbstlernenden Programms zu profitieren. Ob Leela schon genug gelernt hat?

Hammer ließ Stockfish und Leela gleichzeitig laufen und verglich mit Wonne deren häufig unterschiedliche Bewertungen. Speziell für Schachamateure mag Hammers Experimentalvideo auch praktisch relevant sein. Der norwegische Großmeister setzte Leela und Stockfish auf den „Fried Liver“-Angriff sowie auf das Königsgambit an, Eröffnungen, die im professionellen Schach (so gut wie) nicht vorkommen.

Aber vielleicht werden wir ja die eine oder andere Leela-Empfehlung zu einer anderen Eröffnung sehen, wenn im November die Heimarbeit von Team Carlsen auf die von Team Caruana trifft.

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4 Kommentare zu „Caruanas gescheiterter Rückzug, Carlsens neue Sekundantin

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