Blinder Norweger lebenslang gesperrt -Betrug am Brett, kein Einzelfall

cheat1Als der Brite William Hartston 1977 das wunderbare (und fast vergriffene) Büchlein „Wie man beim Schach bescheißt“ veröffentlichte, waren weder der Inhalt noch der Titel ernst gemeint. Die Schachgemeinde erfreute sich an Hartstons Sammlung fiktiver Anekdoten rund um das königliche Spiel, dessen Akteure ja in Wirklichkeit über jeden Zweifel erhaben waren. Selbst wenn jemand beim ehrenvollen Wettstreit der Geistesakrobaten würde bescheißen wollen: Wie sollte das funktionieren?

O  tempora, o mores! 40 Jahre später würde niemand eine Betrugsanleitung für Schach lustig finden, und sei sie noch so augenzwinkernd abgefasst. Betrug ist ein ernsthaftes, notorisches Problem, und das auf allen Leistungsebenen, am Brett gleichermaßen wie online. Wer mit Computerhilfe gewinnt, der erschleicht sich Elopunkte, Titel und nicht zuletzt Preisgeld, das anderen zusteht.

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Muss sich ein neues Hobby suchen: Stein Björnsen (Beide Fotos: Tarjei J. Svensen/Matt&Patt)

In Norwegen hat der nationale Schachverband jetzt erstmals einen Schachspieler wegen wiederholten Betrugs lebenslang gesperrt. Der Fall von Stein Björnsen hatte schon vor zwei Jahren international Schlagzeilen gemacht, als ihn eine zweijährige Sperre ereilte. Mit dem blinden Amateurspieler hatte es einen Behinderten erwischt, was dem Fall eine besondere Note verlieh.

Nun, nach Ablauf der Sperre, setzte Björnsen seinen Siegeszug am Brett fort, wieder mit Computerhilfe. Nach dem zweiten Turniersieg in Folge zog ihn seine Föderation auf Lebenszeit aus dem Verkehr.

Obwohl es am Brett nur für die Kreisklasse reichte, erlangte der Schachspieler Clemens Allwermann 1998 in Deutschland einige Berühmtheit. Bei einem Open in Böblingen rasierte Allweier einen Meisterspieler nach dem anderen. Als in der letzten Runde sein Gegner, ein Großmeister und Schachprofi, schon aufgegeben hatte, kündigte ihm Allwermann trotzdem noch ein für Menschen kaum zu findendes Matt in acht Zügen an. „Glauben Sie’s mir“, insistierte Allwermann, als der Großmeister zweifelte. Für seinen Turniersieg kassierte Allwermann 1.600 Euro und ging als erster deutscher Schach-Betrüger in die Geschichte ein.

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Der Mann mit der Matte: Clemens Allwermann

„Fritzy“, rief wenig später Viswanathan Anand aus, als er Allwermanns Partien inspizierte. In seinem von falschem Ehrgeiz (krimineller Energie?) getriebenen Streben, meisterhaft Schach zu spielen, hatte Allwermann schlicht die vom Schachprogramm „Fritz“ vorgegebenen Computerzüge ausgeführt, und die waren damals noch leichter als heute als solche zu erkennen.

Wie Allwermann vorgegangen war, darf als gesicherte Erkenntnis betrachtet werden: Unter seiner speziell über den Ohren üppigen Haarpracht hatte der Amateurspieler Kopfhörer verborgen, über die ihm ein Helfer den jeweiligen Computerzug einflüsterte.  Weil so etwas noch nie vorgekommen war, wurde dennoch lange debattiert, ob es sich bei Allwermanns Ausnahmeleistung nicht doch um einen regulären, einmaligen Höhenflug eines ansonsten mäßig begabten Amateurs handeln könne.

Zugegeben hat Allwermann den Betrug nie. Das verbindet ihn mit fast allen anderen Schachspielern, die mit technischer Hilfe ihre Fehlbarkeit am Brett kompensieren wollten.

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Da war es noch eine absurde Anekdote: Chessbase stellt den Toilettenbetrug nach.

Vier Jahre später schöpfte bei einem Turnier im Lampertheim der Schiedsrichter Verdacht, als der Spieler Wolfgang Siegler nach gegnerischen Zügen regelmäßig auf der Toilette verschwand, nach einigen Minuten zurückkehrte und dann sofort einen Antwortzug ausführte. Dieses Verhalten führte dazu, dass der Unparteiische dem Verdächtigen schließlich auf die Toilette folgte, über die Wand einer Kabine lugte und dort Siegler mit einem Kleincomputer sitzen sah. „E-Mails bearbeitet“ habe er, erklärte der Beschuldigte.

Auch wegen des Toilettenkontexts tat die Schachgemeinde diesen Betrugsversuch noch als kuriose Anekdote ab. Chessbase veröffentlichte gar im Hartstonschnen Sinne eine Foto-Anleitung für korrektes Betrügen auf der Toilette und kündigte ein „Starter-Kit für elektronisches Doping“ an, inklusive Pocket-PC und ergonomischer Klobrille, wahlweise aus Holz oder Plastik.

Zwielichtige Funktionäre, saubere Spieler?

Systematischer Betrug im vermeintlich ach so hehren Schachsport war eben immer noch schwer vorstellbar. Und doch hätte man ja nur die Riege der Funktionäre durchsehen müssen, um zu erkennen, dass das Schach eben auch zwielichtige Gestalten anlockt. Bis heute sind von dieser Spezies auf der Führungsebene des Welt- und Europäischen Verbandes einige Exemplare zu finden. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn unter den Spielern stets alles astrein abläuft?! Erst Recht, seitdem jedes moderne Handy besser Schach spielt als jeder Großmeister.

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Bitte nicht ins Forum: Wer bei Lichess einen vermeintlichen Betrüger anschwärzen will, benutzt dafür ein spezielles Formular. Das Schachforum wäre sonst voll mit derartigen Beschwerden, die in der Mehrheit gegenstandslos sind.

Wenn ein Problem lange verkannt und dann als solches identifiziert wird, schlägt Ignoranz leicht in Hysterie um. Beim Schach ist das vor allem online zu sehen, wo kaum ein Spieler sich nach einer gewonnen Partie noch nicht hat vorwerfen lassen müssen, er habe betrogen. Internet-Foren quellen über mit Verlustpartien, die der Verlierer einzig aus dem Grund vorzeigt, um der Welt zu demonstrieren, dass der Gegner sich unerlaubter Hilfe bedient hat. In 99 Prozent der Fälle handelt es sich schlicht um einen sehr schlechten Schachspieler, der gegen einen etwas weniger schlechten Schachspieler regulär verloren hat.

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Silvio Danailov, gestikulierend

Auch offline treibt die Fahndung nach Betrügern Blüten. In Russland führte jetzt ein an Hexenjagd grenzendes Verfahren zur Sperre eines anerkannten Trainers. Beim Turnier in Wijk an Zee 2010 verselbstständigte sich der Vorwurf gegen Veselin Topalov,  dass ihm sein Manager Silvio Danailov per Handzeichen gute Züge durchgegeben haben soll. Darüber berichtete unter anderem die Süddeutsche Zeitung, und es tauchten verschwommene Fotos auf, die einen gestikulierenden Danailov in der Nähe von Topalovs Brett zeigten. Geheime Handzeichen?

Eine Rolle spielte in dieser Angelegenheit, dass mit Danailov eben eine der zwielichtigen Figuren des Schachs involviert war, jemand, dem tatsächlich allerhand zuzutrauen ist. Und doch ist die Weltklasse allein wegen der strikten Kontrollen mit hoher Wahrscheinlichkeit die einzige Leistungsebene, in der nicht betrogen wird.

Je besser der Spieler, desto schwieriger zu überführen

Für einen guten Spieler bedarf es ja gar nicht durchgängiger Hilfe. Gute Spieler sind in der Lage, kritische, taktisch komplexe Positionen zu identifizieren, in denen ein einziger vorgesagter Computerzug schon eine Menge wert wäre. Mit derartiger Maschinenunterstützung in drei, vier kritischen Positionen pro Partie ließe sich der Elo eines veritablen Turnierspielers Spielers wahrscheinlich schon in großmeisterliche Regionen anheben. Gute Spieler erkennen auch, wann ein Zug derart nach Computer aussieht, dass ihn nie ein Mensch wählen würde, und ziehen dann etwas anderes. Und schon ist der Betrug viel schwieriger nachzuweisen.

Die deutsche Wikipedia-Seite über Betrug im Schach listet eine Auswahl von sieben Fällen auf, bei denen Spieler mit „elektronischen Hilfsmitteln“ überführt wurden. Es wäre naiv anzunehmen, dass es sich dabei nicht um die Spitze eines Eisbergs handelt. Wer weiß, wie viele Schachspieler schlaue Methoden ersonnen haben, sich selektiver Unterstützung in kritischer Lage zu bedienen? Und nicht ertappt wurden? Niemand hat bislang eine Dunkelziffer geschätzt.

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Bis 2016 durfte Stein Björnsen mit Knopf im Ohr spielen.

Schlechte Spieler werden eher überführt, das gilt für Allwermann ebenso wie für den Norweger Stein Björnsen. Der durfte bis 2016 mit einem Bluetooth-Knopf im Ohr spielen, weil er angegeben hatte, diesen zum Aufzeichnen der Züge zu benötigen. Dann aber stellte sich heraus, dass genau diese Vorrichtung sich nicht mit einem Aufzeichnungsgerät verbinden lässt, sehr wohl aber als Empfänger (zum Beispiel für Schachzüge) dienen kann.

Seine Turniererfolge erklärte der Schachanfänger Björnsen damit, dass er zwar nicht viel vom Schach verstehe, aber ein sehr gutes Gedächtnis habe. Und darin seien vor der Partie vorbereitete Varianten gespeichert, die er dann am Brett nur abrufen müsse.

Das ist natürlich hanebüchener Unsinn, der in erster Linie belegt, dass Björnsen nicht viel vom Schach versteht. Dennoch durfte er nach Ablauf seiner Sperre im Jahr 2018 wieder ans Brett. Blörnsen gewann zwei Turniere, dann schauten die Offiziellen genauer hin. Festgeklebt in seiner Handfläche fanden sie eben jenes Bluetooth-Empfangsgerät, das er bis 2016 im Ohr getragen hatte.

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