Gehirn einschalten nicht vergessen!

Beim Schach ist der Autopilot ein gefährlicher Begleiter. Wer in der Eröffnung immer irgendein Schema herunterspielt und erst später sein Gehirn dazuschaltet, der wird manche gute Chance verpassen.

Im Beitrag „Die vier Gebote der Eröffnung“ haben wir sogar zwei Spieler auf Autopilot gesehen. Die weißen Steine führte Schachfreund Thiebe vom Nachbarverein, und der beginnt seine Partien seit Jahrzehnten mit 1.d4, 2.e3, 3.f4 in der Hoffnung, eine günstige Stonewall-Formation aufs Brett zu bekommen.

So etwa sieht die Stellung aus, die er mit den weißen Steinen anstrebt:

schema1.jpg

Das ist tatsächlich angenehm für den Weißen, der am Königsflügel recht bald einen gefährlichen Angriff wird entfachen können, zumal, wenn der Schwarze sorglos spielt.

Nur sollte der Weiße mit der Zugfolge d4, e3, f4 niemals so eine Stellung erreichen können. Schwarz hat mehrere Wege, sich dagegen viel kräftiger aufzubauen als in der Diagrammstellung.

Einen davon haben wir in genanntem Beitrag skizziert. Aber unser Schachfreund Grensing spielt gegen 1.d4 halt auch seit Jahrzehnten immer …d5, und …e6, egal, was der Gegner macht, und das erlaubte dem Gegner in diesem Fall, seine ideale Formation zu erreichen. Der weiße Autopilot triumphierte über den schwarzen.

Im Prinzip sind Schemata ja nichts schlechtes. Sie helfen uns, Zeit zu sparen und gleichwohl vernünftige Züge zu machen. Wer zum Beispiel mit Weiß den königsindischen Angriff spielt, der wird am Anfang seine Klötze immer so aufbauen, fast unabhängig von der schwarzen Formation:

schema2.jpg

Erst danach beginnt die Suche nach dem richtigen Plan für das weitere Vorgehen, abhängig davon, wie sich der Gegenspieler hingestellt hat. Und auch diese Suche wird erleichtert, wenn wir anhand von Musterpartien mit möglichen Plänen und Ideen vertraut sind. Wir sparen Zeit und wissen in etwa, in welche Richtung wir zu marschieren haben.

Wer mit Weiß gegen Sizilianisch das Morra-Gambit spielt, der wird in der Regel einem noch längeren Schema folgen können:

schema3.jpg

Weiß rochiert, spielt De2, Td1, muss sich zwischen Le3 und Lg5 entscheiden und kann dann überlegen, ob er entweder günstig e5 durchsetzen kann oder den schwarzen Damenflügel unter Druck setzt (oder sogar beides).

Im Prinzip wird der Weiße im Morra-Gambit oft 15 Züge lang seinen Kram herunterspielen können, ohne groß nachdenken zu müssen, aber er muss eben ein paar konkrete Tricks kennen und verstehen, gegen welche schwarze Formation welche weiße Aufstellung am wirksamsten ist.

Schlecht ist es immer, das Gehirn im Leerlauf zu belassen, um erst einmal automatisch das übliche Dutzend der immergleichen Züge herunterzuspielen, bevor die Partie beginnt.

Frage 78

Klaus Grensing – Waldemar Wir, Überlingen, März 2018

schema4.jpg

Weil der Weiße in so einer Stellung seit Jahrzehnten immer c2-c3 spielt, egal, ob das gut oder schlecht ist, zog er auch hier c2-c3.

Hätte er sein Gehirn schon an dieser Stelle dazugeschaltet, dann hätte er sich wahrscheinlich anders entschieden. Die weiße Stellung schreit ja förmlich nach einem viel besseren Zug.

Welchem?

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