Turm hoch und aus! (IV)

Den Wert einer offenen Reihe für Turmschwenks haben wir im vergangenen Beitrag kennengelernt. Leider kommt die Praxis selten so eindeutig daher wie die theoretischen Anschauungsbeispiele, aber manchmal eben doch. Zum Beispiel diese Stellung aus dem Budapester Gambit:

turmantwort1.jpg

Die schwarze Idee ist, einen Königsangriff zu initiieren. Also will er möglichst viele Kräfte zum Königsflügel überführen. Bevor der Schwarze seinen noch nicht entwickelten und hinter den Bauern eingesperrten Lc8 ins Spiel bringt, möchte er aus der offenen sechsten Reihe Kapital schlagen. …a5 plant den Turmschwenk zum Königsflügel …Ta8-a6-h6. Erst danach wird …d6 folgen, so dass auch der Lc8 ins Spiel eingreifen kann.

…a5 hilft auch, die weißen Pläne zu durchkreuzen. Weiß wird ja voraussichtlich am Damenflügel expandieren, und das fällt ihm nun schwerer, da der Schwarze dem Vorstoß b2-b4 einen Riegel vorgeschoben hat.

Ganz so geschwind wie in dieser exemplarischen Stellung konnte unser Schachfreund Ramadan neulich in Überlingen nicht seinen Turm an den gegnerischen König heranführen.

Antwort 76

Ramadan Deliu – Julian Preuss, Überlingen, März 2018

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Die dritte Reihe steht in diesem Fall nicht offen, aber Weiß findet trozdem einen Weg, den beschäftigungslosen Ta1 einzubeziehen. Er beginnt mit Ta1-e1, dann folgte Te1-e3, und dann wird meistens Te3-h3 nebst h4-h5 die Partie entscheiden.

Turm hoch und aus! Schwarz ist wehrlos, aber gegen die präziseste schwarze Verteidigung ist die Gewinnführung nicht trivial. Eine schöne Gelegenheit für uns, Mattangriffe zu üben.

Hier ist die Stellung schon aufgebaut, und Du kannst die weiße Stellung gegen einen Computer zum Gewinn führen. Viel Erfolg!

Antwort 77

Über allem steht der Turmschwenk, aber als Hintergrundgeräusch spielen sogar mehrere andere Konzepte mit. Zum Beispiel jenes, dass eine Party erst richtig gut wird, wenn alle mitfeiern und niemand einsam und betrübt am Rand der Tanzfläche herumsteht.

Jede Figur sollte eine Aufgabe erfüllen. Spielt eine nicht mit (so wie in diesem Fall der Ta1), dann sollten wir danach trachten, sie einzubeziehen. Das Konzept, mit den Figuren zu sprechen, haben wir ja schon vorgestellt. Wer sich regelmäßig unter seinen Truppen umhört, fragt, ob alle zufrieden sind oder nach Arbeit lechzen, dem wird nicht entgehen, wenn ein einzelner Kämpfer unterbeschäftigt in der Ecke steht.

Mobilität und Raum könnten wir auch noch anführen. Weil der Weiße speziell am Königsflügel mehr Raum beherrscht, ist er dort flexibler und mobiler. Die schwarzen Truppen hingegen sind auf engem Raum zusammengepresst, dem Schwarzen fehlt Mobilität. Darum hat ja Weiß die Zeit, seinen Turm auf Umwegen zum Königsflügel zu überführen, ohne dass sich Schwarz entscheidend wehren könnte.

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Ein Kommentar zu „Turm hoch und aus! (IV)

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