Neues von Leela: Match gegen einen GM, online bei Lichess und mit von der Partie bei der Software-WM

Leela Chess Zero ist das aufregendste Projekt im Computerschach seit langem. Was die Google-Tochter DeepMind mit Hochtechnologie und den Mitteln eines Weltkonzerns auf die Beine stellte, soll das von Enthusiasten getragene Open-Source-Projekt Leela noch übertreffen. Ziel ist ein AlphaZero für jedermann, nach Möglichkeit gar eine Software, die besser spielt als AlphaZero.

Von diesem Ziel ist Leela noch ein Stück entfernt, aber sie nähert sich mit Riesenschritten. Leela lernt schnell, und Leela wird in jeder neuen Version immer besser. Womöglich ist schon die Schwelle überschritten, ab der es keinen Sinn mehr ergibt, Leela auf Menschen loszulassen, weil die Maschine schlicht viel zu stark ist.

GM Andrew Tang, letzter Hoffnungsträger der Menschheit?

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Jetzt darf sich Andrew Tang mit Leela messen.

Ein erstes Schnellschach-Match gegen den norwegischen IM Lasse Lovik (Elo 2.376) gewann Leela jetzt mit 9:2. Am kommenden Sonntag wird die Menschheit ihren womöglich letzten Hoffnungsträger in ein Match gegen Leela entsenden, den amerikanischen Großmeister Andrew Tang (Elo 2.517), der neulich um ein Haar Weltmeister Magnus Carlsen seinen Titel beim monatlichen Großmeister-Bullet auf Lichess entrissen hätte.

Das Match beginnt um 19 Uhr. Andrew Tang wird auf seinen Twitch-Kanal live übertragen, außerdem können die Partien auf Lichess verfolgt werden. Tang wird gegen Leela Nr. 125 spielen, also genau jene Version, gegen die Lasse Lovik wenig zu bestellen hatte.

Leela liebt Angriff und positionelle Dominanz

Schon die aktuelle Leela deutet an, dass das Programm auf AlphaZeros Spuren wandeln wird. Material gibt Leela gerne, wenn sie dafür Angriff bekommt oder den Gegner mit positioneller Dominanz erdrücken kann. Nur läuft das noch nicht so recht rund. Leela leidet noch an taktischen Schwächen, schätzt positionelle Faktoren gelegentlich falsch ein und hat Schwierigkeiten im Endspiel.

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Jeder Schachschüler lernt bald, wie sich Weiß hier eine Brücke baut. Leela hat das noch nicht gelernt.

Im Match gegen Lovik zum Beispiel gelang es Leela nicht, die Lucena-Stellung im Turmendspiel gewinnen, eine Aufgabe, die jeder fortgeschrittene Schachschüler mit Leichtigkeit bewältigt. Aber wir Menschen müssen dank der Forschung unserer Vorfahren ja auch nur ein Eindspielbuch aufschlagen, um zu sehen, wie man sich im Turmendspiel eine Brücke baut. Leela muss sich das selbst beibringen, und zur Lucena-Stellung ist sie wohl noch nicht gekommen. Die Frage ist, ob es Andrew Tang schaffen wird, gegen Leela unbeschadet ins Endspiel zu kommen.

Leela spielt jetzt auch auf Lichess

Herkömmliche Engines spielen dank Tablebases perfekt, sobald nur noch sechs (oder gar sieben) Steine auf dem Brett stehen. Diesen Vorteil hat Leela Zero nicht. Das „Zero“, also „Null“, steht für die Menge an Schachwissen, auf das Leela zurückgreifen darf. Alles, was sie beim Schach kann (außer den Regeln), hat sie sich selbst beigebracht.

Wer selbst gegen Leela spielen möchte, kann das weiterhin auf der Leela-Website tun, allerdings gegen eine arg abgespeckte Version. Außerdem hat Lichess aufgrund des Leela-Hypes jetzt erstmals Computer-Accounts zugelassen. Wer sich auf Lichess mit LeelaChess befreundet, kann sie herausfordern, muss sich davor jedoch in einer ausgedehnten Warteschlange einreihen. Leelas Blitz-Rating steht schon bei über 3.000.

Mit von der Partie bei der Schachsoftware-Weltmeisterschaft TCEC

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Leela lernt, und das schnell.

Weil Leela für Menschen bald zu gut sein wird, soll sie sich jetzt gegen konventionelle Schachsoftware bewähren. Die Organisatoren der Schachprogramm-Weltmeisterschaft TCEC haben Leela jetzt testweise ein erstes Match gegen Scorpio, eine vergleichsweise schwächere Software, spielen lassen. Wir empfehlen, speziell Partie 15 anzuschauen, um eine Ahnung zu bekommen, wie Leela schon mit ihren elektronischen Kontrahenten umzuspringen vermag, wenn es gut läuft. Das Match beendete Leela mit einer geschätzten Elo Leistung von etwa 2.700.

Leela verlor, schlug sich aber so wacker, dass die TCEC heute bekanntgab, dass Leela ab der zwölften Auflage der TCEC mit von der Partie sein wird, das erste organisierte Turnier, in dem eine auf einem neuronalen Netz basierende Software sich mit herkömmlichen Verwandten misst.

Die in vier Ligen aufgeteilte TCEC 12 beginnt am heutigen Mittwoch um 19 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Die Partien kann jeder auf der offiziellen Seite live verfolgen. Leela muss dort in der untersten Liga starten und wird auf einer herkömmlichen CPU laufen – was ihrer Spielstärke nicht gerade helfen dürfte. Ein Match auf besser geeigneter Hardware gegen eine starke Engine (Stockfish 9?) ist geplant.

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