Im Wohnzimmer des Weltmeisters: Bier, Bullet und Gangster-Rap

Schon vergangenen Monat kursierte der Scherz, Magnus Carlsen benutze Lichess als Bank. Wieder hatte der Weltmeister das monatliche Bullet-Turnier auf der Open-Source-Schach-Plattform gewonnen, und wieder hatte er sein Preisgeld für den Preisfonds der nächsten Auflage des Turniers gestiftet.

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Magnus Carlsen alias „DrDrunkenstein“ hatte große Probleme, mit Andrew Tang alias „CleverTacticButFail“ mitzuhalten. Der deutsche GM Georg Meier wurde Elfter.

Jetzt hätte beinahe jemand anderes sein Geld abgehoben. Großmeister und Bullet-Spezialist Andrew Tang führte das zweistündige Turnier eine Stunde und fünzig Minuten lang an, zeitweise mit so großem Vorsprung, dass ihm die gut 2.000 Dollar für den ersten Platz schon sicher schienen.

„Keine Chance mehr. Jetzt muss ich sehen, dass ich wenigstens Zweiter werde“, sagte Carlsen, als das Turnier schon auf die Zielgerade eingebogen war. „Schlecht spielen kann ja passieren, aber heute bin ich auch noch langsam dazu“, haderte er.

Die Maus in der einen Hand, die Flasche „Corona“ in der anderen

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Womöglich half es, dass er sich damit den Druck nahm, Tang auf den Fersen bleiben zu müssen. Plötzlich gewann Magnus eine Partie nach der anderen, 19 am Stück, während Tang zusehends strauchelte, als er auf einmal wieder den Atem des Champions im Nacken spürte. Kurz vor dem Ende übernahm Magnus erstmals die Führung vor 217 anderen Spielern, darunter 34 Großmeister, und er gab sie nicht mehr her.

Vielleicht hatte ihn auch das vierte Bier beflügelt? Schach-Weltmeister gibt es seit 1886, aber Magnus ist der erste, dem die Schachgemeinde ins Wohnzimmer schauen darf, während er am Laptop mit der einen Hand Bullet spielt, in der anderen eine Corona-Flasche hält und Eminem aus seinen Boxen dröhnen lässt.

8.000 Leute schauten am späten Donnerstagabend zu, obwohl der spontane Stream nicht angekündigt war. Und sie erlebten, wie Magnus einen Druck der anderen Art nicht mehr aushielt. Kurz vor Schluss und Kopf an Kopf mit Tang, als jede Sekunde Spielzeit wertvoll war, legte er eine Toilettenpause ein. Und siegte am Ende doch, weil auf der anderen Seite des Atlantiks Andrew Tang nicht wieder in die Spur fand.

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Magnus zeigt seine Kommerz-Seite. Das sei ihm gegönnt, andere Konsumenten mag es erfreuen. Aber kein Schachspieler ist so doof, sich für 8 Euro eine Designflasche Wasser zu kaufen.

Magnus ist nicht nur am Brett der Beste, er versteht es, seine Klasse zu vergolden wie kein Schachmeister vor ihm. Dennoch, und das macht ihn zum Sympathieträger, bleibt er ein Weltmeister zum Anfassen, ebenso wie keiner vor ihm. Nebenbei macht er dem FIDE-Vermarkter Agon vor, wie Schachübertragungen funktionieren könnten. Wenn Carlsen abends spontan im Wohnzimmer eine Bullet-Session einlegt, schauen mehr Leute zu als beim Kandidatenturnier, um das Agon viel Tam-Tam gemacht hatte, aber nicht einmal eine funktionierende Website programmiert bekam. Und Carlsen unterstützt freie Projekte wie Lichess mit seiner Zeit und seinem Geld, damit erhält er die bedrohte Vielfalt der Schach-Plattformen.

chess.com könnte sich auf seinem Beinahe-Monopol ausruhen – würde nicht das Lichess-Team die Bezahlplattform vor sich hertreiben

Weil der einst alternativlose Internet Chess Club (ICC) zunehmend in der Bedeutungslosigkeit versinkt und die Software-Schmiede Chessbase ihre Plattform playchess eher  stiefmütterlich behandelt, könnte sich chess.com auf seinem Beinahe-Monopol ausruhen – wäre da nicht der enthusiastische Franzose Thibault Duplessis mit seinem Team, der die Bezahlplattform aus den USA mit seinem Open-Source-Projekt Lichess vor sich hertreibt.

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Dort werden jetzt bei der nächsten „Titled Arena“ in vier Wochen fast 3.000 Dollar für den Sieger zu holen sein – nicht schlecht für zwei Stunden Arbeit. Magnus Carlsen hat schon angekündigt, dass er wieder mitspielen wird, und wir dürfen gespannt sein, ob es doch einmal einem anderen gelingt, das Turnier zu gewinnen, oder ob der Weltmeister erneut auf sein Lichess-Konto einzahlt.

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3 Kommentare zu „Im Wohnzimmer des Weltmeisters: Bier, Bullet und Gangster-Rap

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