Entscheidungshilfe für Zuschauer: Wo Kandidatenturnier gucken?

Wenn am Wochenende in Berlin das Kandidatenturnier beginnt, dann bietet sich den Zuschauern im Internet eine Auswahl, wie es sie beim Schach nie gegeben hat.

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Worldchess-Chef Ilya Merenzon.

Selbst in Zeiten der boomenden Schachstreams ist das keine Selbstverständlichkeit. Bis vor kurzem stand der Ausrichter WorldChess  trotzig auf dem Standpunkt, dass niemand das Recht hat, die Züge live zu zeigen. Niemand außer WorldChess selbst natürlich, verbunden mit der Drohung, jeden zu verklagen, der es trotzdem tut und nicht dafür bezahlt.

Manche Schachseite hat das von Übertragungen etwa des WM-Matches Carlsen-Karjakin abgehalten, andere nicht, und die zog WorldChess tatsächlich vor Gericht. Nachdem sich dort der Schachvermarkter des Weltverbands FIDE eine Niederlage nach der anderen eingehandelt hatte, verkündete das Unternehmen nun eine Kehrtwende: Jeder darf übertragen, so lange er nebenbei für die „offizielle“ Übertragung wirbt.

Also, wo gucken? Als Entscheidungshilfe stellen wir die nach Einschätzung dieser Seite drei besten Kommentatorenduos/-teams vor.

Chess 24: Peter Svidler/Jan Gustafsson

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sahen Schachfans Peter Svidlers Ausscheiden beim World Cup. Als Svidler sein Viertelfinal-Match gegen Maxime Vachier-Lagrave verloren hatte, war klar, dass der achtfache russische Meister sich nach langer Zeit erstmals nicht für das Kandidatenturnier qualifizieren würde. Gegönnt hätten wir es dem eloquenten Cricket-Fan, aber so bestand die Aussicht, dass er kommentiert.

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Jan Gustafsson und Peter Svidler bei der Kommentatorenarbeit.

Und das wird er tatsächlich, wie Svidler neulich in einem Interview ankündigte. An der Seite des Weltranglisten-14. sitzt wie gewohnt der Hamburger Jan Gustafsson, selbst mehr als 2.600 Elopunkte schwer, so dass Svidler/Gustafsson nach Elo-Schnitt klar das stärkste Kommentatorenduo ist.

Und das beste, würden viele sagen. Die Zuschauer erwartet geballtes Schachwissen und mancher Einblick in die Seele der Kandidaten, zu denen Svidler 2014 und 2016 selbst zählte. Dazu kommen Ausflüge in die Popkultur, den Cricket-Sport und manche Neckerei unter Schachfreunden. Allein die Dynamik zwischen Svidler und Gustafsson macht deren Shows stets sehenswert, egal, wessen Partien sie gerade kommentieren.

Chessbrah TV: Yasser Seirawan/Eric Hansen/Aman Hambleton

Leute über 30 mochte der schnell wachsende Schachkanal der kanadischen Großmeister Eric Hansen und Aman Hambleton anfangs nicht recht fesseln. Zu laut und elektronisch die Musik, zu schnell das Spiel der beiden Bullet-Experten. Dann landete Chessbrah TV einen Coup: Zum Team stieß Yasser Seirawan, Kasparow-Bezwinger und ehemaliger Weltklassespieler, mehr als doppelt so alt wie seine Mitstreiter.

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Chessbrah TV: Yasser Seirawan mit Eric Hansen

Den WorldCup 2017 übertrug ChessbrahTV in wechselnder Besetzung: der in den Niederlanden lebende Seirawan stets als Anchor, mal Hansen, mal Hambleton als Sidekick, der mit Vergnügen und Neugier aus dem Wissens- und Anekdotenfundus Seirawans schöpft. Aus dem Stand legte das Trio eine Serie von Live-Shows hin, die sich in Schachkreisen rasant herumsprach. Aus dem Party- und Testosteronkanal der Schachszene war plötzlich eine Schachschule geworden, in der Hansen und Hambleton den Unterricht sichtlich genossen.

Wo Svidler/Gustafsson die neuesten TV-Serien debattieren, erzählt Seirawan Schachgeschichten aus der Praxis eines Großmeisters, der sich in den 80er- und 90er-Jahren mit allen Größen gemessen hat. Allein seine Erlebnisse als Sekundant Viktor Kortschnois könnten eine mehrstündige Sendung füllen. Für Freunde jüngerer Schachgeschichte hält Seirawan stets mehr als ein Bonbon bereit.

WorldChess: Judit Polgar/Lawrence Trent

WorldChess ist mit Judit Polgar ein ähnlicher Glücksgriff gelungen wie den Jungs von Chessbrah TV mit Yasser Seirawan. So sehr die Partien während des WM-Matches 2016 zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin auch lahmten, die Kommentatorin Judit Polgar wurde stets mit Lob überschüttet.

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Judit Polgar während des WM-Matches Carlsen-Karjakin 2016 in New York.

Auch die Ungarin weiß, wie es sich anfühlt, beim größten und besten Turnier des Schachzirkus mitzumischen. 2005 spielte sie gar das WM-Turnier und kam damit dem Titel so nah wie keine Frau vor und wahrscheinlich so bald keine nach ihr. An ihrer Seite sitzt der britische IM Lawrence Trent, eine Institution im Schachkommentatorengeschäft.

Für die Live-Übertragungen der 14 Runden aus Berlin hat WorldChess jetzt einige Neuerungen angekündigt, um mehr Drama zu schaffen. 12 Kameras fangen jede Regung aller Beteiligten ein, Zuschauer in Berlin sollen ebenso zu Wort kommen wie die im Internet. Dazu das eine oder andere grafische Gimmick und entscheidende Momente auf Facebook live. Seien wir gespannt.


 

Unsere Top drei zeigen: Wer Englisch versteht, ist im Vorteil. Aber wer lieber auf Deutsch Schach gucken möchte, der dürfte ebenfalls fündig werden. Für Chessbase auf der Playchess-Plattform wird wahrscheinlich Großmeister Klaus Bischoff kommentieren, ebenfalls eine Institution, bekannt dafür, das Geschehen auf dem Brett instruktiv herunterzubrechen, gewürzt mit dem einen oder anderen humorigen Ausflug. Auch auf Chess24 wird es deutschen Kommentar geben.

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