Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage

Wer jemals Schach studiert hat, der hat diese Stellung schon einmal gesehen, weiß womöglich gar, bei welcher Gelegenheit sie auf dem Brett stand.

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Ende einer Glanzpartie: In der 16. Partie des Matches McDonnell – La Bourdonnais im Jahr 1834 zog der Franzose …e3-e2, und der Ire gab auf. Wir erfreuen uns fast 200 Jahre später immer noch an den drei verbundenen Freibauern auf der zweiten Reihe.

Einen Weltmeister gab es in den 1830er-Jahren noch nicht, aber zwei Spieler, die einen solchen Titel für sich hätten beanspruchen können: Den in London lebenden Iren Alexander McDonnell und den Franzosen Louis-Charles Mahé de La Bourdonnais. 1834 in London klärten sie, wer der Bessere ist; das erste große Match der internationalen Schachgeschichte, aufgeteilt in sechs kurze Wettkämpfe. Nach insgesamt 85 Partien hatte der Franzose den Iren recht deutlich geschlagen.

Wer heute Schach studiert, der beginnt das Studium der Klassiker eher ein paar Dekaden nach den beiden Kontrahenten von 1834. Taktisch waren die beiden stark, oft blitzte brillante Intuition auf, aber vor 200 Jahren waren eben noch nicht einmal die grundlegendsten strategisch-positionellen Konzepte entwickelt.

Die 16. Matchpartie von 1834 kennt trotzdem jeder wegen der fantastischen Schlussstellung. Aber sie taugt auch darüber hinaus als Studienobjekt, unter anderem als Intuitionstest. Neulich beim Schachunterricht haben wir Konstantinos diese Stellung aus der 16. Partie gezeigt und gefragt „Schwarz am Zug, was würdest Du machen?“.

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Natürlich schlägt jedes Trainerherz höher, wenn der Nachwuchs ein paar Sekunden aufs Brett schaut und dann „…a5“ sagt.

Genau, …a7-a5.

Dem Weißen droht der Lb3 abgeklemmt zu werden, und auf der Diagonalen a6-f1 hat er sich für Spieße geöffnet. 1…a7-a5 legt den Finger in diese beiden Wunden, und es ist ein gutes Zeichen, wenn der Schachschüler in Sekundenschnelle Blut leckt, weil er die wunden Stellen der weißen Stellung gewittert hat – so wie damals La Bourdonnais, der natürlich auch …a7-a5 zog.

Es schadet nicht zu sehen, dass McDonnell und La Bourdonnais seinerzeit vor den gleichen Problemen standen wie wir heute. Nach vollendeter Entwicklung die Türme zu verbinden, das lag den beiden ja im Blut, und dann mussten sie damals wie wir heute entscheiden: wohin mit welchem Turm, die ewige Frage.

Diese Frage stellte sich für Herrn La Bourdonnais in der 16. Matchpartie vor seinem 16. Zug,

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Wohin mit welchem Turm? Dass er sich für 16…Ta8-e8 entschied, spricht für seine Intuition, wenngleich wir trefflich darüber streiten könnten, ob …Tae8 der objektiv beste Zug ist.

Sein d-Freibauer ist des Schwarzen größter Trumpf, aber vorwärts marschieren wird der d-Bauern nur im Verein mit seinen Kollegen auf der e- und f-Linie. Und die brauchen Unterstützung, damit Weiß nicht auf e4 oder f5 eine Blockade aufbauen kann. Also zog La Bourdonnais 16…Ta8-e8, sperrte sehenden Auges seinen f-Turm ein, ignorierte den Dameflügel und gewann in der Folge dank seiner marschierenden Freibauern eine glänzende Partie.

Vielleicht hätten wir die Schach-Ausbildung trotzdem bei Morphy und Steinitz begonnen, nicht schon bei McDonnell und La Bourdonnais, hätte nicht neulich in der Bodensee-Jugendliga Konstantinos diese Stellung auf dem Brett gehabt und sich die ewige Frage gestellt: wohin mit welchem Turm?

Frage 58

Moritz Reinecke – Konstantinos Mastrokostopoulos, Februar 2018

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Konstantinos zog nach einigem Grübeln 1…Tf8-e8.

Was hätte La Bourdonnais gespielt?

Zur Antwort geht’s hier

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2 Kommentare zu „Welcher Turm gehört wohin, die ewige Frage

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