Die Dame im Spiel (II)

Antwort 41

Hinter dem scheinbar voreiligen schwarzen Damenausflug steckt tatsächlich ein Konzept. Nach 1.e2-e4 d7-d5 2.e4xd5 Dd8xd5 3.Sb1-c3 ist die Grundstellung der Skandinavischen Verteidigung erreicht.

Victor-Dumitru Stolniceanu – Conrad Schormann, Januar 2018

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Schwarz erlaubt dem Weißen, mit Tempo seinen Springer zu entwickeln, muss nun ein zweites Mal seine Dame ziehen, aber er baut darauf, dass der Springer auf seinem scheinbar natürlichen Feld c3 nicht gut steht, weil er den c-Bauern blockiert. Wenn Weiß später d2-d4 spielt, soll der d4-Bauer zur Zielscheibe des schwarzen Spiels werden, denn den wird der Weiße nicht mit c2-c3 decken können. Auf c3 steht ja ein Springer.

Das ist allerdings eine heikle Strategie. Als Nachziehender zwei Tempi zu investieren und die Entwicklung des Gegners zu beschleunigen, nur damit der womöglich ein Angriffsziel entblößt (und er muss ja nicht d2-d4 spielen), das ist am Rande dessen, was gut sein kann. Darum gilt die Skandinavische Verteidigung mit 2…Dd8xd5 (für Profis: 2…Sg8-f6 ist ein anderes Kapitel) zwar als spielbar, aber nicht als Top-Eröffnung, die auf Großmeisterlevel regelmäßig gespielt würde.

Und doch gehören zwei Skandinavisch-Partien auf höchstem Level zum Bildungskanon eines jeden fortgeschrittenen Schachspielers, zu den Partien, die man kennen muss sollte. An beiden war die indische Schachlegende Ex-Weltmeister Visvanathan Anand beteiligt, einmal mit Schwarz, einmal mit Weiß.

Zwei Skandinavisch-Partien, die man kennen muss

Die erste stammt aus Anands WM-Kampf gegen Gary Kasparov 1995. In seinen sechs Schwarzpartien zuvor hatte Anand wieder und wieder erhebliche Probleme mit all den daheim ausgebrüteten Varianten, die ihm Kasparov vorsetzte. Um nicht wieder mit einem Geheimrezept aus Kasparovs Eröffnungsküche konfrontiert zu werden, spielte Anand in der 14. Partie Skandinavisch, eine Eröffnung, mit der Kasparov nicht ernsthaft gerechnet hatte. Und siehe da, Anand kam prima in die Partie, stand ausgangs der Eröffnung sogar etwas besser. Dass er am Ende verlor, hatte mit seinem Skandinavisch nichts zu tun.

Gary Kasparov – Visvanathan Anand, WM-Match New York 1995

Die zweite spielte Anand 1997 in Biel gegen den französischen Großmeister Joel Lautier. Seinerzeit war sie bedeutend für die Eröffnungstheorie (Anands 15.f3 war eine wichtige Neuerung), aber um die Welt ging die Partie in erster Linie wegen Anands spektakulärem Gewinnzug 21.Ld3-g6!!. Die Legende besagt, dass dieser Gewinnzug noch Teil von Anands Vorbereitung war.

Visvanathan Anand – Joel Lautier, Biel 1997

Antwort 42

Strategisch sieht die weiße Stellung aus wie ein Schweizer Käse (können Schweizer Käse weißfeldrige Löcher haben? Egal.), aber taktisch scheint Schwarz zu wackeln. Wer genauer hinschaut, stellt jedoch fest: Alles ist gut.

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Weiß kann keine Figur gewinnen, weil nach 1…Sf6-d5 2.Sc3xd5 exd5 3.Sf3-e5? Dd8-a5+ der Lb5 verloren geht.

Antwort 43

Warum ist dieser Beitrag wohl mit „Die Dame im Spiel“ überschrieben? Nicht nur wegen Skandinavisch, auch wegen dieser Stellung.

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Wenn die Spieler zu verschiedenen Seiten rochiert haben, dann ergibt sich meistens ein Wettrennen um den Skalp des gegnerischen Königs.

So wie hier.

Schwarz muss dringend seine Schwerfiguren mobilisieren, sie gegen den weißen König aufstellen. Die Dame gehört auf den Damenflügel, die Türme verbunden und dann auf die b- und ggf. die c-Linie.

1…Dd8-d4 (mit Tempo!) ist der mit Abstand beste Zug, der einzige, der dem Schwarzen klaren Vorteil sichert. Die Dame strebt nach b4, auf b8 wird bald ein schwarzer Turm auftauchen und der Sb6 wird von a4 oder c4 aus das Feld b2 unter Feuer nehmen. Schwarz ist dem Skalp des weißen Königs viel näher als der Weiße dem des Schwarzen.

Antwort 44

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Schachfreund Sergej und Schachfreund Jürgen haben gleichermaßen Recht. Ob nun 1…Tb8xb2 oder 1…Da5-b5, beides gewinnt dem Schwarzen die Partie.

Schachfreund Conrad legen wir angesichts seiner Rechenschwäche den Erwerb (und das Durcharbeiten!) des großartigen Werkes „Calculation“ von Jacob Aagaard nahe.

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Nach 1…Tb8xb2 2.Td7xe7 Tf8-c8 kann Weiß zwar mit 3.f2-f4 den c2-Bauern decken, aber nach 3…Da5-b5! droht an allen Ecken und Enden Matt und Materialgewinn. Trotz Mehrfigur ist der Weiße hilflos.

Nach 1…Da5-b5 2.Td7xe7 Db5xb2+ 3.Kc1-d2 Tf8-d8+ 4.Kd2-e2 Db2xc2+ 5.Sb1-d2 steht es so:

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Von wegen „geht nicht weiter“. Schwarz kann sich sogar aussuchen, wie er gewinnen will. Am einfachsten ist 5…Tb8-b3 mit der tödlichen Drohung 6…Tb3xe3+, aber auch 5…Td8xd2 oder 5…Sa4-c3+ gewinnt.

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5 Kommentare zu „Die Dame im Spiel (II)

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